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Arbeitsmarkt : Jetzt sind auch die Deutschen Gastarbeiter

  • -Aktualisiert am

Geschäftsführer Birchler würde seine Leute am liebsten alle in Wohnungen unterbringen. Vier- bis fünfhundert vermittelbare Arbeitssuchende hat er im Pool seines Unternehmens, das mit dem Magdeburger Europa-Job-Center ständig in Kontakt ist. Darunter sind nicht nur Fachkräfte, sondern auch Hilfsarbeiter, nicht nur Deutsche, sondern auch andere Nationen: Portugiesen, Türken, Jugoslawen, Spanier. Beim Bau jedoch „beginnen die Deutschen das größte Kontingent zu werden“, sagt Birchler.

Österreich auf dem Spitzenplatz

Akademiker zieht es schon immer ins Ausland. Daß nun auch immer mehr Fachkräfte, Handwerker, weggehen, „kannte man früher nicht“, sagt Sabine Seidler, die Sprecherin der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Im vergangenen Jahr hat die Zentralstelle knapp 3000 Personen auf dem westeuropäischen Arbeitsmarkt untergebracht. Die Schweiz rangiert im Länderranking der Zentralstelle auf dem zweiten Platz. Im vergangenen Jahr wurden dorthin 755 Deutsche vermittelt. Auf dem Spitzenplatz steht Österreich mit 1262 Vermittlungen im Jahr 2003.

Die schöne Landschaft, ja, die sei schon toll, sagen Enrico Heyduck und Walter Friedrich. Aber man gewöhne sich daran. Um halb sechs stehen die Kumpels auf; sie haben sich in einem Betrieb in Wolfsburg kennengelernt, den es längst nicht mehr gibt. Ihre Baustelle in Klosters, das ist kein Großprojekt, für das massenhaft Maurer gebraucht werden. Sie besteht aus einem Einfamilien-Holzhaus, das, idyllisch an den Hang geschmiegt, gleich über der Fleischtrocknerei mit ihren Bündner Spezialitäten, in ein Dreifamilien-Haus erweitert wird. Wohl kaum ein Klosters-Tourist aus Deutschland würde dort deutsche Gastarbeiter vermuten.

Mühe lohnt sich finanziell

Alle drei Wochen fahren sie die 840 Kilometer nach Magdeburg. Finanziell lohnt sich aber die Mühe. Der Lohn sei doppelt so hoch wie bei uns, sagen sie. Daheim decken sie sich beim „Aldi“ mit Lebensmitteln ein. Die Schweiz ist teuer. Gleichwohl möchten sie bleiben. „Der Chef hat noch acht Baustellen“, sagt Heyduck. Deswegen hoffen sie, in der Schweiz über den Winter zu kommen.

Haben sie gehofft. Jetzt ist das Haus in Klosters fertig umgebaut, gerade rechtzeitig vor dem großen Schnee. Und der Chef hat in der kalten Jahreszeit doch keine Arbeit mehr für sie. Enrico Heyduck findet alles „ganz schön beschissen“. Sein Sohn ist mittlerweile auf die Welt gekommen. Jetzt ist der Vater zwar zu Hause, verdient aber kein Geld. Eigentlich wartet Heyduck jeden Tag auf einen Anruf aus der Schweiz. „Natürlich, ich gehe wieder runter“, sagt er. Auch wenn man dort „doch bloß Saisonarbeiter ist“.

Von Cornelia von Wrangel
Magdeburg/Klosters. "Schweiz ganz natürlich". Die Eidgenossen haben sich einen doppelsinnigen Werbespruch für ihr Land einfallen lassen. Ohne nachzudenken, in die Schweiz, wo es noch so viel Natur gibt. Zum Beispiel in Klosters in Graubünden, im Winter schneesicher, im Sommer herrlich und im Herbst laubbunt. Ideal fürs Skifahren, Wandern oder Pferde-Trekking. Enrico Heyduck und Walter Friedrich pfeifen auf all das. Sie können sich ohnehin nur das Wandern leisten, zu Fuß auf den Berg, nicht mit der Seilbahn. Sonst wird's gleich teuer. Klosters ganz natürlich? Keine Spur. Trotzdem sind die beiden Magdeburger froh, dort zu sein. Sie malochen in dem Edel-Ferienort, denn er bietet ihnen, was sie in Sachsen-Anhalt nicht finden: Arbeit.
"Unser Baukran steht an einem Hang, ganz leicht zu finden." Enrico Heyduck und Walter Friedrich sind Maurer, der eine ist 27, der andere 46 Jahre alt. Der Jüngere hat eine gute Portion Selbstbewußtsein, zieht den Älteren mit. Der gibt sich dem Schicksal drein. Eigentlich sind beide auf Klinkerstein spezialisiert. Klinkerstein ist jedoch in der Schweiz nicht sehr gefragt. "Die machen hier alles anders", sagt Enrico Heyduck. Also ziehen sie nun Mauern aus Stahlbeton hoch, verputzen Wände, haben es sich zeigen lassen müssen - "wie einem Lehrling".
Die Zeiten haben sich geändert. Früher holte sich Deutschland Gastarbeiter ins Land, heute sind Deutsche Gastarbeiter. "Im Saisongeschäft könnten die Deutschen einmal das werden, was bei uns die Italiener in den sechziger und siebziger Jahren waren", sagt Rico Birchler, der Geschäftsführer der "Gross Arbeit AG", eines schweizerischen Unternehmens, das Personal für Industrie und Bau vermittelt. Es hat seinen Sitz in Buchs, knapp sechzig Kilometer von Klosters entfernt, und die höchstamtliche Bewilligung zur "grenzüberschreitenden Verleihtätigkeit". Erfahrung in der Personalbranche, ein guter Leumund und eine Kaution von 100000 Franken zur Absicherung der Löhne sind dafür die Voraussetzung.
Rico Birchler ist seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Geschäft. In seiner Begrüßungsrede vor neuen Mitarbeitern erzählt er immer, wie er sagt, von seinen Kindheitserinnerungen an die Italiener. Sie logierten damals bei ihm daheim im Dreifamilienhaus in der Wohnung der Großmutter. Nach der Saison waren sie weg, und wenn sie wiederkamen, "hat man sich gefreut". Die Schweiz hat in jenen Jahren die Italiener nicht immer freundlich behandelt. Ja, sagt Birchler, "manche wohnten in Holzbaracken".
Enrico Heyduck und Walter Friedrich logieren zwar nicht in einer Holzbaracke, sondern in Schiers in einem rosaroten, mehrstöckigen Neubau. Schiers ist ein beschaulicher Ort, bis nach Klosters sind es zwanzig Kilometer. Zur Arbeit fahren die beiden mit dem eigenen Auto. Aber selbst Schiers hat ein Industriegebiet, unten auf der anderen Seite der Umfahrungsstraße. Dort steht das mehrstöckige Haus neben einem großen Strommast und einem Lagerplatz. Luxuriös kann man das Zimmer nicht gerade nennen, auch wenn es eine eigene Dusche hat: zwölf Quadratmeter, zwei Betten, Schrank, Tisch, Stühle; den Fernseher haben sie von zu Hause mitgebracht. So ist es eben, wenn man Gastarbeiter auf Zeit ist. Pro Bett zahlen sie 350 Schweizer Franken im Monat (umgerechnet rund 230,40 Euro). Enrico Heyduck hat sich schon nach etwas anderem umgeschaut, "aber die verlangen 35 Franken pro Nacht", sagt er. Das kommt nicht billiger. Außerdem haben sie auch im Hausflur Tageslicht, womit sie besser dran sind als ihre Stockwerks-Kollegen ein paar Schritte weiter. Italiener, Portugiesen, Deutsche und ein Somalier, zählt Heyduck auf. Deren Zimmer liegen zwischen zwei Eisentüren, die kein Licht auf den Flur hereinlassen.
Magdeburg, im Europa-Job-Center mitten in der Stadt: "Zahlen die pünktlich? Muß man nicht zwei Monate umsonst arbeiten wie hier," hat dort Enrico Heyduck gefragt. Das war im Sommer. Und die beiden Kumpel hatten damals darauf bestanden, zusammen vermittelt zu werden. Wobei sie da noch an Österreich dachten. Sylvia Bräsecke, Personalberaterin im Europa-Job-Center, hat sich an ihren Wunsch gehalten. Einmal abgesehen von der Schweiz. Aber die beiden hatten schließlich keine große Wahl. Enrico Heyduck weiß schon gar nicht mehr, wie oft er arbeitslos war. Hartz IV, Arbeitslosengeld II, sagt er, dann lieber weg. Walter Friedrich hat ein Haus gebaut, das noch abgezahlt werden muß.
Seit gut drei Jahren gibt es das Europa-Job-Center in Magdeburg, der Stadt mit einer Arbeitslosigkeit von zwanzig Prozent. Das Center ist eine private Vermittlungsstelle, die im Auftrag der Agentur für Arbeit Magdeburg und auch mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt Fachkräfte ins europäische Ausland schickt und den Kontakt zu ausländischen Arbeitgebern sucht. Von Mai 2001 bis Mitte Oktober 2004 lautet die Bilanz: 17465 Besucher, 6397 Erstberatungen, 2386 Vermittlungen. "Ganz schön" findet das Sylvia Bräsecke.
In Lohn und Arbeit gebracht wurden Fachleute wie Heyduck und Friedrich: Schlosser und Schweißer, Karosseriebauer, Kfz-Mechaniker oder Kellner nach Schweden, England, Österreich, in die Niederlande oder in die Schweiz. "Es wird sowieso so kommen, daß man dorthin geht, wo es Arbeit gibt", sagt Sylvia Bräsecke. Außerdem ist der binneneuropäische Arbeitsmarkt transparenter geworden, erleichtern bilaterale Verträge wie beispielsweise mit der Schweiz die Einstellung von Fremden. "Vielleicht tut uns die Umkehrung, nämlich mal Ausländer zu sein, auch gut", fügt die Personalberaterin hinzu. Hochmut ist nach ihrer Ansicht in der momentanen Lage der Deutschen schon gar nicht angebracht. Freilich hat das Europa-Job-Center auch Gegner. Ihr Argument lautet, es befördere den Exodus der Fachkräfte aus Ostdeutschland. "Die will ja keiner mehr haben", hält Bräsecke dem entgegen und: Im Ausland verdienen sie Geld; erhalten ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt und ihr Selbstbewußtsein.
Die Umkehrung: Enrico Heyduck hat das Gastarbeiterdasein beim ersten Mal nach vier Tagen wieder aufgegeben. Das war in Österreich, in Linz. Da sei er in einem Asylantenheim mit vierzig "Jugos" untergebracht gewesen, schmutzige Duschen und Toiletten. Dagegen sei die Schweizer Unterkunft eine Luxusherberge. Und der österreichische Vorarbeiter habe ihn gepiesackt nach der Art: "Gibt es bei euch keine Arbeit?" Das sei für ihn nicht einfach gewesen. Geschäftsführer Birchler würde seine Leute am liebsten alle in Wohnungen unterbringen. Vier- bis fünfhundert vermittelbare Arbeitssuchende hat er im Pool seines Unternehmens, das mit dem Magdeburger Europa-Job-Center ständig in Kontakt ist. Darunter sind nicht nur Fachkräfte, sondern auch Hilfsarbeiter, nicht nur Deutsche, sondern auch andere Nationen: Portugiesen, Türken, Jugoslawen, Spanier. Beim Bau jedoch "beginnen die Deutschen das größte Kontingent zu werden", sagt Birchler.
Akademiker zieht es schon immer ins Ausland. Daß nun auch immer mehr Fachkräfte, Handwerker, weggehen, "kannte man früher nicht", sagt Sabine Seidler, die Sprecherin der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Im vergangenen Jahr hat die Zentralstelle knapp 3000 Personen auf dem westeuropäischen Arbeitsmarkt untergebracht. Die Schweiz rangiert im Länderranking der Zentralstelle auf dem zweiten Platz. Im vergangenen Jahr wurden dorthin 755 Deutsche vermittelt. Auf dem Spitzenplatz steht Österreich mit 1262 Vermittlungen im Jahr 2003.
Die schöne Landschaft, ja, die sei schon toll, sagen Enrico Heyduck und Walter Friedrich. Aber man gewöhne sich daran. Um halb sechs stehen die Kumpels auf; sie haben sich in einem Betrieb in Wolfsburg kennengelernt, den es längst nicht mehr gibt. Ihre Baustelle in Klosters, das ist kein Großprojekt, für das massenhaft Maurer gebraucht werden. Sie besteht aus einem Einfamilien-Holzhaus, das, idyllisch an den Hang geschmiegt, gleich über der Fleischtrocknerei mit ihren Bündner Spezialitäten, in ein Dreifamilien-Haus erweitert wird. Wohl kaum ein Klosters-Tourist aus Deutschland würde dort deutsche Gastarbeiter vermuten.
Alle drei Wochen fahren sie die 840 Kilometer nach Magdeburg. Finanziell lohnt sich aber die Mühe. Der Lohn sei doppelt so hoch wie bei uns, sagen sie. Daheim decken sie sich beim "Aldi" mit Lebensmitteln ein. Die Schweiz ist teuer. Gleichwohl möchten sie bleiben. "Der Chef hat noch acht Baustellen", sagt Heyduck. Deswegen hoffen sie, in der Schweiz über den Winter zu kommen.
Haben sie gehofft. Jetzt ist das Haus in Klosters fertig umgebaut, gerade rechtzeitig vor dem großen Schnee. Und der Chef hat in der kalten Jahreszeit doch keine Arbeit mehr für sie. Enrico Heyduck findet alles "ganz schön beschissen". Sein Sohn ist mittlerweile auf die Welt gekommen. Jetzt ist der Vater zwar zu Hause, verdient aber kein Geld. Eigentlich wartet Heyduck jeden Tag auf einen Anruf aus der Schweiz. "Natürlich, ich gehe wieder runter", sagt er. Auch wenn man dort "doch bloß Saisonarbeiter ist".

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