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Arbeitslosigkeit : Abstieg ohne Absturz

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Jung, gut, arbeitslos Bild: dpa

Immer mehr junge Leistungsträger fallen der Entlassungswelle zum Opfer. Der Gesellschaft seien die Modelle des Erfolgs abhanden gekommen, meint der Soziologe Heinz Bude. Ein Interview.

          3 Min.

          Immer mehr junge Leistungsträger fallen der Entlassungswelle von Unternehmen zum Opfer. Der Gesellschaft seien die Modelle des Erfolgs abhanden gekommen, meint der Soziologe Heinz Bude im FAZ.NET-Interview und sieht - zumindest vorübergehend - eine Rückkehr zur Old Economy.

          Herr Bude, die Arbeitslosigkeit hat die Mittelschicht erreicht. Ob Juristen, Journalisten, Betriebswirte oder Computerfachleute - jeden kann es treffen. Eine Entwicklung, die vorhersehbar war?

          Nein, diese Entwicklung war so nicht vorhersehbar. Unter den Avantgardisten der neuen Mitte gab es ja nicht nur eine gewisse Branchenpriorität, sondern die haben auch ein neues Arbeitsmodell entwickelt, das die Grenzen zwischen Arbeit und Leben fließend macht. Es sah so aus, als ob diese Leute die Gesetzmäßigkeiten der neuen Arbeitswelt kapiert hätten. Und dieses Konzept des unternehmerischen Einzelnen, das zeigen ja auch die Hartz-Vorschläge, ist schon das Konzept, das den klassischen Arbeitnehmer abgelöst hat.

          Zeitmanager, Portfoliomanager, Knowledgemanager - sind das Berufe, die die Gesellschaft noch braucht?

          Es gibt in der Tat eine Menge überflüssiger Berufe, vor allem dort, wo es um die Entwicklung von Ideen geht. Die große Illusion ist gewesen, dass man jemanden für Ideen bezahlen kann. Doch Ideen entstehen in der Gesellschaft. Es gibt so etwas wie einen gesellschaftlichen Entdeckungsprozess, den man ganz schlecht professionalisieren kann.

          Ist die Krise auf dem Arbeitsmarkt ein typisches Phänomen moderner Dienstleistungsgesellschaften?

          Ich glaube schon. Es trifft ja die Speerspitzen der Tertiärisierung. Plötzlich sehen wir uns wieder vor die Frage gestellt, was ist denn nun eigentlich diese berühmte Wissensgesellschaft, die allenthalben ausgerufen worden ist. Und die gesellschaftliche Reaktion allgemein scheint zu sein: Rückkehr zur Old Economy.

          Was passiert dann aber mit den jungen Leuten, den Leistungsträgern dieser Gesellschaft?

          Diejenigen, die diese Krise bestehen werden, die da raus kommen, das werden wirklich die Leute der Zukunft sein und zwar deshalb, weil sie anderen die Erfahrung voraus haben, dass Dinge auch schief gehen können. Daraus könnte ein neues Verantwortungsbewusstsein erwachsen.

          Der Trend scheint aber in eine andere Richtung zu gehen, schaut man sich die jüngste Shell-Jugend-Studie an. Darin ist viel von Aufstieg, Macht und Einfluss die Rede, aber wenig von Verantwortung.

          Das ist so eine Sache mit den Shell-Jugendstudien, die sich seit Jahren an einem Modell von Jugend abarbeiten, das irgendwie immer von den Achtundsechzigern geprägt ist. Was alle Studien zusammengenommen aber feststellen, ist, dass es in den vergangenen 20 Jahren einen Trend hin zu einer Idee von Wahlbewusstsein für das eigene Leben gegeben hat, dass wir nicht mehr in Schicksalsgemeinschaften leben und dass man im Zweifelsfall an sich selber zuerst denkt. Zu der Bereitschaft, ein experimentelles Leben zu führen, gibt es eigentlich keine Alternative.

          Wenig Trost für diese „lost Generation“.

          Jede Generation bezeichnet sich so.

          Eine Art Topos?

          Das könnte man so sagen. Auch die Achtundsechziger haben sich als „lost Generation“ gefühlt. . .

          . . . und bekleiden heute Ministerämter! Was aber ist mit deren Kindern? Müssen die sich nicht betrogen vorkommen?

          Zumindest kommen sich jene, die etwas gewagt haben, im Gegensatz zu denjenigen, die nichts gewagt haben, als die Blöden vor. Und das ist für die Stimmung problematisch. Aber ich sage noch einmal: Diejenigen, die durch diese Krise durchgegangen sind, werden unsere besten Kräfte sein.

          Und wer wird zwischenzeitlich für das eigene Scheitern verantwortlich gemacht?

          Ich glaube, man gibt sich selbst die Schuld. Das sind doch alles Leute, die klug genug sind, um zu wissen, dass die Politik nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse bestimmt . . .

          . . . und deshalb gar nicht mehr wählen gehen?

          Es herrscht eine strukturelle Ratlosigkeit. Weder die konservative noch die sozialdemokratische Variante hat noch ein Versprechen. Damit ist unklar, auf welche Position man denn eigentlich setzen könnte. Allen ist klar, dass die Welt von heute nicht mehr die Welt von vor vier Jahren ist.

          Das hat die FDP wohl am besten verstanden.

          Schon, aber die FDP überzieht den Spaß und unterschätzt die Ernsthaftigkeitsbedürfnisse der Menschen, sie unterschätzt, dass Politik auch etwas mit stellvertretender Deutung zu tun hat, dass man sich an Politikern klar machen will, was sind eigentlich die Chancen und Risiken, auf die ich mich einstellen muss.

          Mit anderen Worten: Die Liberalen bedienen gerade einen Trend, der eigentlich schon vorbei ist?

          So ist es. Und das wird sich auch im Wahlergebnis niederschlagen.

          Was bedeutet das Scheitern junger Eliten für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

          Die Gesellschaft hat im Augenblick die Modelle des Erfolgs verloren. Das Einzige, was sie anbieten kann, ist eine Rückkehr zu alten Mustern oder die Flucht in einen Opportunismus, bei dem man sich durchschlängelt, auf kleine Vorteile setzt, sich Kinder anschafft - das ist das, was jetzt in der Luft liegt.

          Familie ist plötzlich wieder in?

          Ganz sicher. Wenn klar ist, dass Arbeitsmärkte viel konjunkturanfälliger sind als man gedacht hat und dass Wohlfahrtssysteme viel krisendurchsetzter sind als uns immer gesagt wird, gibt es nur einen Bereich, in dem man Erwartungssicherheiten subjektiv konstruieren kann, und das ist die Familie.

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