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Arbeitslosenquote : Eine Frage der Berechnung

Wer darf hier links abbiegen? Bild: dpa

Über die Arbeitslosenstatistik wird heiß diskutiert. Dabei wird vergessen, dass andere Länder ihre Arbeitslosenquote ganz anders berechnen. Analyse.

          2 Min.

          Eigentlich ist alles ganz einfach: Wer keine Arbeit hat, ist arbeitslos. Doch in Deutschland ist nur ein Arbeitssuchender ein Arbeitsloser. Bundesarbeitsminister Riester bekräftigte diese Richtlinie kürzlich noch einmal: "Wer keine Beschäftigung sucht, ist nicht arbeitslos".

          Dies ist richtig, aber auch keine Überraschung. Nach Richtlinien der Bundesanstalt für Arbeit müssen registrierte Arbeitslose "durch Eigenbemühungen und Verfügbarkeit für die Arbeitsvermittlung" auf der ständigen Suche nach Arbeit sein.

          Ein bisschen Arbeit

          Ein Arbeitsloser darf aber auch arbeiten. In Maßen. Wer "weniger als 15 Stunden wöchentlich beschäftigt bzw. selbstständig/mithelfend tätig ist", ist nach Maßstäben der Bundesanstalt arbeitslos. Aber natürlich nur, wenn er sich auf dem Arbeitsamt gemeldet hat. Prinzipiell ist die statistische Erhebung also einfach: Aus allen gemeldeten Arbeitslosen wird die Arbeitslosenquote ermittelt. Nach europäischen und internationalen Richtlinien kann man die Arbeitslosen aber auch anders berechnen.

          Quelle: OECD

          Befragung schützt vor Lügen

          Der europäische Standard nennt sich ILO und wird vom EU-Statistikamt Eurostat angewendet. Die Arbeitslosenquote nach europäischen Richtlinien nennt sich dann EU-Quote. Das Problem: Die Quote wird nicht völlig neu berechnet, sondern legt zwei unterschiedliche Statistiken zu Grunde. Eine davon ist die bekannte Arbeitslosenzahl der Bundesanstalt für Arbeit. Die andere ist der sogenannte Mikrozensus, der jährlich vom Bundesamt für Statistik erhoben wird. Diese Statistik wird allein durch Befragungen erhoben.

          Arbeitslos in den USA

          In den USA wird die Quote nur aufgrund von Befragungen erstellt. Arbeitslose sind zwar auch dort registriert, aber es wird alleine die Befragung für die Berechnung der offiziellen Zahl benutzt. "Dieses Berechungsverfahren ist komplexer. Es ist ein Unterschied, ob ich die Leute anonym frage, ob sie arbeitslos sind oder ob sie sich beim Amt arbeitslos melden", sagt Holger Schäfer, Referent für Arbeitsmarktökonomie beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. In Deutschland gibt es durch letztere Berechnungsart mehr Arbeitslose. Dies begründe sich dadurch, dass die nicht wirklich Arbeitswilligen, ihren Unwillen nicht zugeben, weil sie sonst den Anspruch auf bestimmte Leistungen wie Arbeitslosengeld verlören.

          Führt man diese Arbeitsunwilligen in der Statistik nicht auf, dann reduzieren sich nach einer Studie des Bonner Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) die Arbeitslosen um etwa 1,2 Millionen Menschen. Und dementsprechend auch die Quote.

          Internationaler Vergleich

          Deutschland braucht einen Vergleich nach internationalem Standard nicht zu scheuen. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) berechnet nach einem Standard, der dem europäischen ILO sehr nahe kommt. Ebenso wie der ILO-Standard unterscheidet sich der OECD-Standard in einem weiteren Punkt von der deutschen Berechnung: "Nach internationaler Definition ist es so, dass man innerhalb von zwei Wochen verfügbar sein muss - das ist für den Arbeitslosenstatus in Deutschland unwesentlich. Es gibt zwar gesetzliche Vorgaben, die sind aber genauso wenig zugkräftig, wie die Forderung, man möge aktiv nach einer Arbeit suchen", so Schäfer.

          Der kleine Unterschied

          Der Unterschied zwischen den verschiedenen Berechnungsverfahren ist beachtlich. Im Jahr 2001 hatte Deutschland nach OECD-Standard eine Quote von 7,9 Prozent Arbeitslosen und lag damit unterhalb des Euroland-Durchschnitts. Nach deutscher Berechnung lag die Quote im letzten Jahr hingegen bei 9,4 Prozent. Beide Zahlen unterscheiden sich um immerhin eineinhalb Prozentpunkte.

          Den "echten" Arbeitslosen nützen solche Zahlenspielereien freilich wenig - und davon gibt es auch nach der OECD-Berechnung noch zu viele.

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