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Arbeitskampf bei der Bahn : Wenig Streikende, große Wirkung

Die Bahngewerkschaften können ein Land lahmlegen Bild: picture-alliance/ dpa

Vor dem Gespräch von Transnet und GDBA mit Bahn-Chef Mehdorn haben die Gewerkschaften die Warnstreiks fortgesetzt. Betroffen waren vor allem Nordhessen und Nürnberg. Die Lokführer blieben diesmal im Dienst. Mehr als das Verlangen nach Geld eint die Bahngewerkschaften zur Zeit nicht. Kerstin Schwenn kommentiert.

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          Die Bahngewerkschaften zeigen in diesen Tagen, wozu sie fähig sind: Sie können ein Land lahmlegen. Für diese Machtdemonstration sind keine Massenkundgebungen nötig. Einige hundert Streikende reichen aus, um eine große Wirkung zu erzielen. Setzt ein Stellwerker alle Signale auf Rot oder steigt der Lokomotivführer erst gar nicht in den Zug, geht im Netzwerk der Deutschen Bahn nichts mehr. Hunderttausende haben das am Dienstag zu spüren bekommen, zumal nicht mehr nur Fernzüge, sondern auch S-Bahnen in Berlin, Frankfurt und München im morgendlichen Berufsverkehr stillstanden. Auch der Güterverkehr war zum ersten Mal seit Streikbeginn zu Wochenanfang blockiert.

          Mit Arbeitsniederlegungen kämpfen die Gewerkschaften für Einkommensverbesserungen. Eisenbahner sind keine Großverdiener. Ein Lokführer bringt im Schnitt 2000 Euro brutto im Monat nach Hause; der Konzern meldet derweil einen Rekordgewinn in Milliardenhöhe. Für Arbeitnehmervertreter steht am Ende dieser Gleichung die Forderung nach mehr Lohn - und zwar nach einem höheren Zuwachs, als ihn bislang jede andere Branchengewerkschaft dieses Jahr zu fordern wagte.

          „Piloten der Schiene“

          Mehr als das Verlangen nach Geld eint die Bahngewerkschaften indes zur Zeit nicht. Die Gewerkschaft Transnet, mit der Beamtengewerkschaft GDBA an ihrer Seite, fordert sieben Prozent mehr Lohn für die rund 134.000 Tarifbeschäftigten. Mit ihr konkurriert die Lokführergewerkschaft GdL, die bis zu dreißig Prozent mehr Gehalt für die 30.000 Zugführer und vor allem einen eigenen Tarifvertrag für die „Piloten der Schiene“ erstreiken will. In dem Streikszenario erscheinen die Transnet als Goliath - ihr Vorsitzender Hansen ist zweiter Mann im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn - und die GdL als David. Gegen die einflussreichere Transnet erhofft sich die GdL durch ihren tarifpolitischen Alleingang einen Prestigegewinn bei den Beschäftigten. Denn denen missfällt zuweilen Hansens Gleichschritt mit Bahnchef Mehdorn in Sachen Bahn-Privatisierung.

          Tarifverhandlungen : Warnstreiks bei der Bahn zunächst ausgesetzt

          Die Aussichten der GdL auf eine Extrabehandlung sind jedoch gering. Mehdorn will eine einheitliche Vergütungsstruktur in dem Konzern bewahren. Im Hinterkopf hat er dabei auch potentielle Investoren, denn der Bahn-Börsengang rückt in greifbare Nähe, da sich die Bundesregierung anschickt, das umstrittene Privatisierungsgesetz auf den Weg zu bringen. Die GdL verkämpft sich zu Lasten der Bahnkunden, die irreale Forderungen nicht nachvollziehen können. Auch Transnet und GDBA sollten nicht länger abheben, sondern auf dem Bahnsteig bleiben und die Verhandlungen rasch abschließen, damit die Züge wieder fahren.

          Kerstin Schwenn
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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