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Antisemitismus-Konferenz : Rau: Bewußtsein wecken und schärfen

Umarmung im Schloß Bellevue: Johannes Rau und Israels Präsident Moshe Katsav Bild: REUTERS

Bei der Antisemitismus-Konferenz der OSZE in Berlin hat Bundespräsident Rau gemahnt, niemand dürfe vor Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus die Augen verschließen.

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          Die Ausrichtung der zweiten OSZE-Konferenz zur Eindämmung des Antisemitismus hat der Bundesregierung eine Erkenntnis beschert: Deutschland muß sich aus der Fixierung auf die unbestrittene verhängnisvolle Einzigartigkeit seines historischen Antisemitismus lösen, wenn es die vielfältigen aktuellen Antisemitismen wach erkennen und ihnen, gemeinsam mit allen anderen Nationen der westlichen Welt, wirksam begegnen will.

          Johannes Leithäuser
          (Lt.), Politik

          Gewiß, alle Auftaktredner des Berliner Treffens bezogen ihre Statements auf den Tagungsort, alle wiesen zugleich aber über den hier vor mehr als sechs Jahrzehnten erbrachten grausamsten Beweis für die Wirkungskraft antisemitischer Weltbilder hinaus. Am einfachsten faßte es Elie Wiesel, der als Kind der mörderischen Verfolgung durch Deutsche entkommen war, in die Bemerkung, einst sei in Berlin eine Konferenz im Sinne des Antisemitismus gehalten worden, jetzt finde hier ein Treffen zur Bekämpfung des Antismitismus statt. Wiesel fügte den Wunsch an: „Lassen Sie uns hoffen, daß der Kreis nun geschlossen ist."

          Und bei allem persönlich verkörperten Leid in der Erinnerung an die Schoa warf auch Wiesel einen scharfen Blick auf die Komponenten, aus denen sich die aktuellen Antisemitismen bilden. Er lobte die christlich-jüdische Verständigung, die dem früheren religiös fundierten Antisemitismus inzwischen den Grund entzog. Doch ergänzte Wiesel, als der christlich-jüdische Dialog einst begann, „hätten wir auch den Islam dazu einladen müssen".

          Grußwort von Rau

          Bundespräsident Rau bezog sich gleichfalls auf den Holocaust - um von dieser Erinnerung aus die Unterschiede zur gegenwärtigen Lage zu kennzeichnen: Damals sei die Barbarei vom deutschen Staat ausgegangen, andere Staaten hätten sich ihr nicht entschieden genug dagegen gestellt. Heute habe die Barbarei den Staat, ja die ganze westliche Staatengemeinschaft, den Staatenraum der OSZE gegen sich. Rau nutzte die Gelegenheit seines Grußwortes vor allem aber, um vor dem internationalen Publikum eine Lektion zu halten über die in Deutschland immer wieder aufkommende Frage, wo Kritik an jüdischen Persönlichkeiten oder auch an israelischen Politikern oder der Politik der israelischen Regierung ende und sich in Antisemitismus wende.

          Raus Ausführungen wirkten somit wie eine Antwort auf die Fragen, die vor einem Jahr in Deutschland als Ergebnis der "Hohmann"- und der "Möllemann"-Affären übrigblieben. Der Bundespräsident erinnerte nicht ausdrücklich an diese Fälle, aber er führte sie vor Augen, indem er sagte, er mache immer wieder die Erfahrung, daß viele Menschen nicht ausreichend unterscheiden könnten zwischen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit einerseits und "normaler Kritik" andererseits. Jeder müsse aber wissen: „Kritik am Verhalten von Juden oder an jüdischen Institutionen ist genauso erlaubt wie die Kritik an jedem anderen Bürger oder jeder anderen Einrichtung in einem freien Land."

          Nicht die Augen verschließen

          Allerdings werde solche Kritik nicht selten von jenen geübt, die tief von antisemitischen Vorurteilen geprägt seien. Das sei aber häufig an deren Sprache erkennbar. Die Betreffenden "setzen alle Juden miteinander gleich. Sie reden von ,den' Juden und stellen sie ,den' Deutschen oder ,den' Franzosen gegenüber; sie lasten Fehlverhalten Einzelner der gesamten jüdischen Gemeinschaft an". Sachliche Kritik lasse sich hingegen daran erkennen, daß sie sich auf das kritisierte Fehlverhalten beziehe "und nicht auf die Herkunft des Betreffenden". Man könne sie auch daran erkennen, daß diese Kritik "für das Verhalten Einzelner nicht die gesamte jüdische Gemeinschaft haftbar macht".

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