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Antisemitismus in der AfD : „Das Judentum als innerer Feind“

Der AfD-Abgeordnete Wolfgang Gedeon kommt in Stuttgart aus einer Fraktionssitzung. Bild: dpa

Antisemitismusforscher Marcus Funck bietet sich als Gutachter für die AfD in Stuttgart an. Was er von den Schriften von Wolfgang Gedeon hält, sagt er im FAZ.NET-Gespräch.

          6 Min.

          Herr Funck, Wolfgang Gedeon, der Landtagsabgeordnete der AfD im baden-württembergischen Landtag, nennt die „Protokolle der Weisen von Zion“ in seinem Buch „Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“ als Quelle. Wie bewerten Sie das?

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Diese sogenannten Protokolle existieren seit über hundert Jahren. Sie wurden im zaristischen Russland konstruiert und später in ganz Europa verbreitet. Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg gab es erste Nachweise, dass es sich um eine Fälschung handelt. Seit Jahrzehnten besteht in der historischen Forschung die übereinstimmende Auffassung vor, dass es sich um eine Fälschung handelt, die dazu dient, einen Mythos zu konstruieren. Dieser Mythos soll durch ständige Wiederholung zu einer plausiblen Erzählung verdichtet werden. Eine reale Grundlage hierfür gibt es nicht. Es handelt sich zur Gänze um einen fiktionalen Text. Die Protokolle spielen außerhalb von rechtsradikalen Kreisen in der Gegenwart in Westeuropa kaum noch eine Rolle, in der islamischen Welt werden sie aber als Quelle publiziert und begründen dort Antisemitismus.

          Reicht der positive Bezug auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ aus, um jemanden als Antisemiten zu überführen?

          Jemand, der die Protokolle als seriöse Quelle anführt, würde ich eindeutig als antisemitisch einstufen, zumal dieser Text ohnehin nur im rechtsextremistischen und nationalsozialistischen Milieu rezipiert wird. Im Zentrum der Protokolle steht das Stereotyp vom Streben nach jüdischer Weltherrschaft, es besagt, dass Gesellschaften vom ‚Weltjudentum‘ von innen ausgehöhlt und unterwandert werden. Das ist unzweifelhaft eine antisemitische Denkfigur.

          Nach der Auffassung Gedeons wird Europa von inneren und äußeren Feinden bedroht. Die inneren Feinde sind die Juden und Zionisten, die äußeren Feinde sind die Muslime. Was bedeutet das?

          Sein Ausgangspunkt ist die Vorstellung einer christlich-europäischen Leitkultur, die von inneren und äußeren Feinden bedroht wird. Das Judentum als inneren Feind zu sehen ist ebenfalls ein klarer Bestandteil des historischen Antisemitismus, der Juden einerseits die Fähigkeit abspricht, selbst Nationen bilden zu können, der anderseits den Juden unterstellt, als ‚parasitäre Existenzen‘ Nationen von innen zu zersetzen. Diese Denkfigur findet sich beispielsweise prominent im "Antisemiten-Katechismus" von Theodor Fritsch, einem der führenden Antisemiten, dessen Schriften im wilhelminischen Kaiserreich und im Nationalsozialismus breit rezipiert worden sind. Dementsprechend wird im Analogieschluss der Islam als äußerer Feind beschrieben, der angeblich nicht Teil der christlich-europäischen Leitkultur ist, der also von außen das versucht, was das Judentum von innen betreibt. Und auch für Kreuzzugs-Rhetorik gibt es einen langen historischen Vorlauf.

          Marcus Funck (48) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Forschungsschwerpunkt ist völkisches Denken im 20. Jahrhundert.
          Marcus Funck (48) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Forschungsschwerpunkt ist völkisches Denken im 20. Jahrhundert. : Bild: Privat

          Gedeon bezeichnet sich als „Antizionist“ aber nicht als „Antisemit“, wie ist das zu bewerten, ist das voneinander zu trennen?

          Jeder, dem Antisemitismus nach 1945 vorgeworfen wird, weist diese Behauptung natürlich erst einmal zurück, weil es in unserer Gesellschaft keine legitime Position mehr ist. Das kennt man von Horst Mahler zum Beispiel, wie generell von einzelnen Aktivisten auf der politischen Rechten wie der Linken. Wenn man aber von sich behauptet, nicht Antisemit, sondern Antizionist zu sein, dann trennt man zwei Sachen voneinander, die zusammen gehören: Der Zionismus ist ja der jüdische Weg zur Nation, wer sich als Antizionist bezeichnet, zieht das Existenzrecht Israels in Zweifel, weil der israelische Staat nicht zuletzt auf dem Zionismus beruht. Es ist außerdem ein verschwörungstheoretischer Begriff, weil er auf eine weltumspannende und unsichtbare jüdische Macht verweist, die als Zionismus verkleidet in die Institutionen aller Staaten hineinarbeitet.

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