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Judenhass : Die Angst vor dem A-Wort

Wie wahrscheinlich ist das? Das Programm stand, die Flyer waren gedruckt. In sozialen Medien rechneten sich entschiedene Kritiker entschiedener Kritik der israelischen Besatzungspolitik die Absage als Erfolg zu. Hahn spricht nicht von Absage, sondern von Verschiebung. Doch eine Tagung, die erst stattfinden soll, wenn „alle maßgeblichen Gesprächspartner“ zugesagt haben, wird nie stattfinden.

Im Reich der Euphemismen

Wo über die Spielräume öffentlicher Kritik an Israel in Deutschland geredet wird, bewegt man sich im Reich der Euphemismen, der systematischen Unehrlichkeit. Das Schlüsselwort der Kritik am Tutzinger Programm war Unausgewogenheit. Dieses Stichwort spielte auch in der Debatte über den Film „Auserwählt und ausgegrenzt“ eine Rolle, den Arte und der WDR zunächst nicht zeigen wollten, aber aufgrund von Protesten am Dienstag schließlich doch sendeten. Es sei grotesk, so die Protestierenden, von einem Film über Antisemitismus Ausgewogenheit zu verlangen, als müssten auch Gründe für Judenhass erwähnt werden. Aber von der Erörterung der Frage, ob Antisemitismus und Antizionismus identisch sind, wird man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein Minimum an Ausgewogenheit verlangen: Der Gegenstandpunkt zu der von Michael Wolffsohn als Lobredner des Films vorgetragenen Ansicht, die Unterscheidung sei zwecklos, muss zumindest zu Wort kommen.

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In der Talkshow „Maischberger“, die auf die Ausstrahlung des Films folgte, nannte Wolffsohn drei Merkmale des Antisemitismus: Dämonisierung, Delegitimierung und „double standards“. Was tut der Film? Er dämonisiert die Palästinenser, indem er ihren Präsidenten Mahmud Abbas mit Julius Streicher gleichsetzt. Er spricht der palästinensischen Sache jede Legitimität ab, indem er einen Mossad-Veteran erzählen lässt, die Palästinenser hätten Jaffa und Haifa 1948 freiwillig verlassen. Und er misst durchgängig mit zweierlei Maß: In Gaza findet man Studenten, die über die Korruption der Hamas schimpfen, in Israel besucht man ein Krankenhaus, dessen Direktor berichtet, dass dort auch palästinensische Terroristen behandelt werden.

In Deutschland tobt ein Meinungskampf

Um Israel und Palästina tobt auch in Deutschland ein Meinungskampf. Es gibt die Kirchentagsaktivisten, denen zur Illustration der Erbsünde nur Juden einfallen. Und es gibt die Lobbyisten Israels. Wer mit diesem Begriff Leute beschreibt, welche die Verteidigung der israelischen Politik zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, zieht sich aber den Vorwurf des Antisemitismus zu. Dieser Meinungskampf ist ein asymmetrischer Konflikt. Nichts müssen Amtsträger in Deutschland so sehr fürchten wie das A-Wort. Deshalb hat der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter gegen rechtliche Bedenken der Verwaltung angeordnet, dass der Gasteig, ein Tagungszentrum in städtischem Eigentum, keine Räume mehr an Kritiker des Zionismus vermietet. Deshalb hat die Universität Göttingen gegen eine im Film erwähnte Ausstellung ein Hausverbot verhängt.

Der Film ist einseitig. Und warum auch nicht? Für Ausgewogenheit könnte auch ein ähnlich einseitiger Film aus palästinensischer Sicht sorgen. Aber jedermann weiß: Nähme der WDR einen solchen Film ins Programm, käme die erste Verbotsforderung per Tweet von Volker Beck.

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