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Anti-Rassismus : Besserweiße

  • -Aktualisiert am

Corona? Mir doch egal! Auf dem Berliner Landwehrkanal herrscht Partystimmung Bild: Daniel Etter/laif

Was bringt es Schwarzen, wenn Weiße sich öffentlich damit schmücken, dass sie Musik von Schwarzen hören und dunkelhäutige Freunde haben? Gar nichts.

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          Vor ein paar Tagen feierten in Berlin Tausende Raver eine Party. Sie schipperten in einem Pulk aus bunten Schlauchbooten über den Landwehrkanal, hatten Techno dabei, Diskonebel und ein Plakat: „I can’t breathe“. Zitat George Floyd. Der war tot, schlimme Sache, fanden die Feiernden, und jetzt die Musik lauter!

          Die Szene war doppelt obszön. Nicht nur, dass die Feiernden gegen das Clubsterben infolge der Corona-Krise demonstrierten, sich aber selbst wie die größten Superspreader aufführten; Abstandsregeln interessierten sie nicht in ihrem schwimmenden Ischgl. Noch abstoßender war, dass sie die letzten Worte des Schwarzen, der kurz zuvor unter dem Knie eines Polizisten gestorben war, als Partydekoration benutzten. Das sollte ihrem Hedonismus das Gütesiegel „Politisch wertvoll“ verleihen.

          Der Fall ist ein Beispiel für das modern gewordene Bestreben, den eigenen Charakter zu bewerben wie eine Luxus- Handtasche. Entscheidend ist nicht, was drin ist, sondern was gut aussieht. Mal soll einen das Bekenntnis zum Klimaschutz schmücken, mal der vom Altbaubalkon gespendete Applaus für Krankenschwestern in der Corona-Krise. Aktuell scheint der Wettbewerb ausgerufen: Wer ist am solidarischsten mit Schwarzen?

          Die Berliner Raver sind es schon mal nicht. Sind es vielleicht die vielen tausend Menschen, die sich am Dienstag in den sozialen Netzwerken an der Kampagne „Blackout Tuesday“ beteiligten? Sie posteten Bilder, die bloß schwarze Quadrate waren. Das sollte auf die Verdienste afroamerikanischer Musiker hinweisen. Wer wollte die bestreiten? Schwarze Musik ist Mainstream. Das ist selbst Donald Trump nicht verborgen geblieben. Er setzte sich im vergangenen Jahr auf Anregung des schwarzen Rappers Kanye West dafür ein, dass der schwarze Rapper A$AP Rocky aus einem schwedischen Gefängnis freikommt. Dort saß er wegen Körperverletzung. A$AP Rocky erfreue sich in Amerika „gewaltiger Unterstützung“, teilte Trump damals mit. Das reichte, denn es war schick.

          „Die Aktion schadet“

          Die schwarzen Quadrate waren es auch. Sie fluteten zu Zehntausenden die Netzwerke. Wer keines auf seinem Profil veröffentlichte, machte sich schon beinahe verdächtig: Ist es nicht ein Zeichen von Rassismus, kein Zeichen gegen Rassismus zu posten? Die Schauspielerin Emma Watson kassierte Spott dafür, dass sie das schwarze Quadrat mit einem weißen Rahmen geschmückt hatte, um es dem Stil ihres Instagram-Accounts anzupassen. Dabei war das eigentlich folgerichtig: Ein Look war ausgerufen worden, es ging ums Herzeigen, nicht darum, was jemand wirklich über Schwarze dachte oder zu tun hatte mit ihnen. Die Aktivistin Kenidra Woods kritisierte die Kampagne: Viele Leute hätten mit ihren Quadraten den Hashtag „BlackLivesMatter“ geflutet. So hätten sie Infos zu Protestmärschen und Kundgebungen blockiert, die nach dem Tode Floyds organisiert worden waren. „Die Aktion schadet“, sagte sie. Auch andere Schwarze sahen das so.

          Andere Weiße bemühten sich, der Welt zu versichern, dass sie schwarze Freunde hätten. So postete Dieter Bohlen ein Foto von sich, Arm in Arm mit einem dunkelhäutigen Mann, darüber stand: „Gegen Rassismus“. Die schwarze Comedian Sarah Cooper kommentierte solche Aktionen auf Twitter mit den Worten, es sei sehr anstrengend, jetzt jedermanns einer schwarzer Freund zu sein.

          Was wäre besser? Schwarze Freunde zu haben, ohne mit ihnen zu prahlen. Schwarze Musik zu kaufen, statt sie für ihre Farbe zu preisen. Gegen Rassismus zu spenden, zu demonstrieren, zu wählen, auch wenn keiner einen dafür lobt.

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