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Amerika nach Orlando : Unfähig zur Eintracht

  • -Aktualisiert am

Flaggen auf Halbmast: Amerika trauert, doch die Politik weiß nicht, wie sie das Land nach der Tragödie auffangen soll. Bild: AFP

Die Zeiten, in denen Tragödien die Amerikaner einigten, sind vorbei. Und der Mörder von Orlando hat den Keil in der Gesellschaft noch tiefer getrieben. Ein Kommentar.

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          Als Terrorakt in Zeiten des „Islamischen Staats“ gehört das Massaker von Orlando in eine Reihe mit den Anschlägen von Paris und Brüssel. Als Dschihadistentat eines mutmaßlich „einsamen Wolfs“ übertrifft es noch das Attentat von San Bernardino im vergangenen Dezember und den Amoklauf auf dem Heeresstützpunkt Fort Hood vor sieben Jahren. Zugleich fügt sich die Attacke auf einen vor allem von Homosexuellen besuchten Nachtclub in eine Liste sogenannter Hassverbrechen gegen Minderheiten in den Vereinigten Staaten: In dieser Woche jährt sich zum ersten Mal die Ermordung von neun schwarzen Kirchgängern in Charleston durch einen weißen Rassisten; einige Monate später schoss in Colorado Springs ein Mann in einer Abtreibungsklinik um sich. „Orlando“ ist überdies der jüngste Eintrag auf einer langen Liste von Massenmorden in Amerika, die mit einem AR-15 oder mit einem ähnlichen Sturmgewehr verübt wurden: Das Kino-Massaker von Aurora im Jahr 2012 gehört dazu, ebenso der Amoklauf einige Monate später an einer Grundschule in Newtown. Auch in diesem Jahr verlosen Republikaner Sturmgewehre im Wahlkampf.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Die Toten vom Nachtclub „Pulse“ werden vermutlich nicht der letzte Eintrag auf den Listen des Schreckens sein. Jenseits schaler Phrasen erweckt die politische Klasse nicht einmal mehr den Eindruck, dass Amerika zusammenstehe und sich mit vereinten Kräften gegen neues Unheil wappne. Barack Obama und Donald Trump lieferten sich noch am Sonntag ein Fernduell der Rechthaberei. Der Präsident machte seine Ungeduld mit allen deutlich, die seine Mahnungen zum Waffenrecht in den Wind schlagen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat bedankte sich für Glückwünsche, die er erhalte, weil er den Terrorakt so gut vorhergesehen habe.

          Auf gruselige Weise haben sich in der Blutnacht von Florida mehrere Stränge des erbitterten politischen Streits verwoben. Über den richtigen Umgang mit Islam und Islamismus, über die Rechte sexueller Minderheiten und über das Waffenrecht ist die Nation tief entzweit. Der Täter Omar Mateen hat das in Orlando ausgenutzt. Mit durchgedrücktem Abzug hat er der Welt vorgeführt, wie leicht ein Einzelner Angst verbreiten und gesellschaftliche Gräben vertiefen kann. Das wird Nachahmer inspirieren.

          Dennoch könnte „Orlando“ die Welt bald in erster Linie wegen seiner Bedeutung auf einer potentiellen fünften Liste beschäftigen: Ereignisse, die Trump ins Weiße Haus einziehen lassen. Der Weg bleibt für den Republikaner steil, doch hat er neuen Schub bekommen. Trump profitiert davon, dass Obama den verängstigten Menschen beider Lager keine Zuversicht zu geben vermag. Wenige Stunden nach dem Massaker gab Trump den „schwachen Anführern“ Amerikas die Schuld am Blutvergießen. Unter seiner Führung werde sich das nicht wiederholen. Warum, führte Trump nicht aus. Immerhin hatte das FBI zweimal gegen Mateen ermittelt, aber den Anfangsverdacht terroristischer Neigungen nicht bestätigen können und den Mann deshalb nicht weiter behelligt. Würde Trump nicht nur ausländische Muslime unter Generalverdacht stellen und an der Einreise hindern, sondern sich auch im eigenen Land über elementares Recht hinwegsetzen? Kann die amerikanische Gesellschaft ihre Freiheit wirksamer verteidigen, ohne sie aufzugeben?

          Schauspieler Dwayne Johnson (44): „Es ist lange überfällig, aber die Zeit ist reif, um zu handeln. Ich glaube an das Recht, Waffen zu tragen und seine Familien zu beschützen. Aber ich glaube auch an strengere Waffenkontrollen ... Als Folge dieser Terrorattacke werden wir vereint, beharrlicher und gestärkt zurückkommen. Zusammen. Sie können nicht etwas kaputtmachen, was sie nicht aufgebaut haben.“ Bilderstrecke

          Abermillionen Amerikaner stellen sich diese Frage nicht. Sie wollen den Republikanern glauben, dass Obama mit einer naiv muslimfreundlichen Haltung ihre Sicherheit aufs Spiel setze. Sie fragen nicht danach, wie Trump mit breiter Islamfeindlichkeit arabische Staaten dazu bringen will, dem „Islamischen Staat“ den Garaus zu machen. Die Zehntausenden Soldaten, die der Kandidat dafür vorgesehen hat, sollen schließlich aus der irakisch-syrischen Nachbarschaft kommen und nicht aus Amerika. Vielleicht hätte Trump es ohne die Terroranschläge von Paris und San Bernardino nicht geschafft, in den Vorwahlen die innerparteilichen Konkurrenten auszuschalten. Obama hatte seinen Anteil daran. Achselzuckend hatte er damals eine bittere Erkenntnis ausgesprochen: „Wenn eine Handvoll Leute keine Angst vor dem Sterben haben, dann können sie eben eine Menge Leute töten.“ Von ihrem Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber erwarten nicht nur die Amerikaner andere Signale.

          Katastrophen haben in Amerika schon lange nicht mehr die Wirkung, den Zusammenhalt zu stärken. Nicht zuletzt wegen der Art der Kriegführung „gegen den Terror“ zerbröselte die Eintracht nach dem 11. September 2001. Sie ist nicht wiederhergestellt. Auch gemeinsame Auftritte und überparteiliche Erklärungen würden die Terrorgefahr nicht bannen. Selbst eine durchgreifende Reform des Waffenrechts wäre nicht geeignet, alle Amerikaner vor der Gewalt suizidaler Fanatiker zu schützen. Doch Stärke entsteht nicht aus Parolen und politischen Anschuldigungen, sondern verlangt einen gemeinsamen Kraftakt, mit Respekt für Unterschiede. Selbstbehauptung bedeutet für westliche Gesellschaften, dass es keine Tabus geben darf außer ihren konstitutiven Werten. Schafft sich der Westen aber selbst ab, haben die Terroristen gewonnen.

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