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Anschlag in Kansas : Die Hydra des Ku-Klux-Klans

  • -Aktualisiert am

Bürgerliche Fassade: Beamte des FBI durchsuchen das Haus von Fraizer Glenn Cross, der drei Menschen erschossen hat Bild: AP

Der Täter von Kansas ist seit langem als gewaltbereiter Rassist und Antisemit bekannt. Er wollte Hitlers Methoden nachahmen. Seine Botschaften des Hasses durfte er sogar als Senatskandidat verbreiten.

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          Glenn Miller, wie er sich selbst nennt, brüllte „Heil Hitler“, als er die Fernsehreporter erspähte. Er tobte im vergitterten Fonds des Polizeiwagens herum und reckte die mit Handschellen gefesselten Hände. Der vielfach aktenkundige Antisemit wurde auf dem Parkplatz einer Grundschule festgenommen, rund eine Meile von dem Jüdischen Gemeindezentrum und dem Seniorenheim entfernt, wo er offenbar wahllos drei Menschen erschossen hatte. Doch im Vergleich zu einer früheren Polizeiaktion zur Festsetzung Millers im Jahr 1987 verlief seine Festnahme diesmal unspektakulär.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Damals hatte das FBI den weißen Rassisten, der eigentlich Frazier Glenn Cross heißt, in einem Wohnwagen in Springfield in Missouri aufgespürt. Der Begründer und „Großdrache“ einer Ku-Klux-Klan-Gruppe aus North Carolina war nach einer erstinstanzlichen Verurteilung wegen Bildung einer paramilitärischen Vereinigung untergetaucht. Er und die vier weiteren Klan-Mitglieder, mit denen er sich verschanzte, horteten in dem Wohnwagen Handgranaten, automatische Feuerwaffen und Sprengstoff. Mit Tränengas zwang das FBI die Männer aus ihrer Behausung. Miller willigte ein, gegen mehr als ein Dutzend militante Rassisten auszusagen, und wurde zu fünf Jahren Haft wegen Waffenbesitzes und Versands eines Drohbriefs verurteilt. Drei Jahre saß er ab.

          Botschaft des Hasses

          Wer nach der Bluttat von Overland Park im Staat Kansas, einer Vorstadt von Kansas City in Missouri, am Sonntag nach Motiven suchte, brauchte gar nicht in den Gerichtsakten vergangener Jahrzehnte zu stöbern. Zuletzt hatte sich Miller 2010 in Missouri um einen Sitz im amerikanischen Senat beworben. Er bekam zwar nur sieben der rund zwei Millionen abgegebenen Stimmen. Aber seine Kandidatur ermöglichte es ihm, seine Botschaft des Hasses auf Juden, Schwarze und andere Minderheiten zu verbreiten.

          In einem Werbespot warf er damals weißen Männern Feigheit vor. Sie hätten sich „zurückgelehnt und den Juden erlaubt, unsere Regierung, Banken und Medien zu übernehmen“. Auf seiner Website, die am Montag immer noch freigeschaltet war, warnte er davor, dass sich „die dunklen Völker um uns herum wie die Ratten vermehren“. In einem Interview mit dem Radio-Moderator Howard Stern beschimpfte Miller die „Politiker in Washington“ als korrupte Verräter und „Huren Israels“.

          „Hitlers Methoden nachahmen“

          Vor etwa zehn Jahren, Miller arbeitete als Lastwagenfahrer, schrieb er eine Autobiographie voller solcher Tiraden. In dem Buch legte der mutmaßliche Mehrfachmörder vom Sonntag auch dar, warum er sich an Adolf Hitler orientiere – „dem größten Mann, der je auf Erden war“: „Ich habe versucht, Hitlers Methoden zur Anwerbung von Mitgliedern und Unterstützern nachzuahmen“, schrieb Miller, der 1979 für kurze Zeit der Nationalsozialistischen Partei von Amerika beigetreten war. Kurz zuvor hatte der zweifache Vietnam-Veteran nach zwanzig Jahren die Armee verlassen müssen, da seine Ku-Klux-Klan-Aktivitäten Anstoß erregt hatten.

          Der Klan ist zwar schon lange nicht mehr das zentral und straff geführte Sammelbecken für alle weißen Rassisten Amerikas, das er einmal war. Doch gibt es noch viele Dutzend Vereinigungen, die unter dem Namen firmieren und oft von sich behaupten, nicht etwa Hass, sondern eine christliche Botschaft der Liebe zu verbreiten. „Noch ist es ja nicht verboten, weiß zu sein“, schrieb Miller auf seiner Website, um andere Weiße zur Gründung von Klan-Gruppen anzuhalten. Einige dieser Vereinigungen tragen immer noch die berüchtigten Kapuzenumhänge. Glenn Miller zog Tarnuniformen vor.

          Das „Southern Poverty Law Center“ (SPLC), eine Bürgerrechtsvereinigung mit Hauptsitz in Alabama, behält die Umtriebe des Klans und seiner Nachfolgeorganisationen im Auge. Das SPLC war es auch, das Mitte der achtziger Jahre gegen Miller klagte. In einem Vergleich sagte er zu, keine paramilitärischen Gruppen mehr zu unterstützen und keine Afroamerikaner einzuschüchtern. Kurz darauf gründete er aber die „White Patriot Party“, die laut SPLC ebenfalls unter dem Dach des Ku-Klux-Klans operierte. Er wurde in erster Instanz wegen Verletzung der gerichtlichen Auflagen verurteilt und tauchte unter, bis ihn das FBI stellte.

          Nachdem sein Versuch gescheitert war, ein Land nur für Weiße in den Grenzen von North und South Carolina zu begründen, zog Miller wieder in seine Heimat Missouri. Nach Overland Park musste er von seinem Wohnort aus etwa drei Stunden fahren. Vor dem Jüdischen Gemeindezentrum erschoss er am Tag vor Beginn des jüdischen Pessachfestes einen 14 Jahre alten (christlichen) Pfadfinder und dessen Großvater. Der Junge hatte an einem Musikwettbewerb teilnehmen wollen, dessen andere Teilnehmer sich stundenlang in Angst in einem Saal verschanzten. Vor dem Seniorenheim erschoss Miller zudem eine 53 Jahre alte Katholikin, die ihre Mutter in dem Heim besuchen wollte.

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