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Anschlag auf Weihnachtsmarkt : Wie der Verdächtige von Berlin seine Verhaftung erlebte

  • Aktualisiert am

Trauer und Gedenken am Berliner Breitscheidplatz. Bild: dpa

Nur wenige Stunden nach dem Terror-Anschlag in Berlin nahm die Polizei einen Flüchtling als Verdächtigen fest. Jetzt hat Naveed B. zum ersten Mal von der Nacht erzählt. Er wirft der Polizei laut einem Bericht vor, ihn misshandelt zu haben.

          Es war Innenminister Thomas de Maizière (CDU), der kurz nach dem Anschlag am 19. Dezember in Berlin verkündete, dass mit Naveed B. der Hauptverdächtige gefasst worden sei. Ein Sprecher der Polizei erklärte gegenüber der Zeitung „Die Welt“, wie man ihn geschnappt habe: Ein Zeuge habe den Mann verfolgt und die Beamten zu ihm geführt. Man hatte ohne Zweifel den Richtigen, so hörte sich das an. Allerdings dauerte es nicht lange, bis klar wurde, dass das nicht stimmte.

          Ein Zeuge hatte den Täter zwar wirklich verfolgt, allerdings nach wenigen hundert Metern aus den Augen verloren. Die Polizei hatte dann einen Mann anhand der Personenbeschreibung des Zeugen festgenommen. Die Satire-Seite „Der Postillon“ spottete später, dass die Behörden unmittelbar nach der Tat „einen x-beliebigen Ausländer“ festgenommen hätten, „der alles abstritt und somit hochverdächtig war“.

          Aber wie hat dieser „x-beliebige Ausländer“ diese Nacht erlebt? Glaubt man seiner Version der Geschichte, die er jetzt dem britischen „Guardian“ erzählt haben soll, war es eine traumatische Erfahrung. Naveed B. beschuldigt die Polizei demnach, misshandelt worden zu sein. „Er erinnert sich daran, dass zwei Polizisten die Hacken ihrer Schuhe in seine Füße gruben, und dass einer mit einer Hand großen Druck auf seinen Nacken ausgeübt hat“, heißt es in dem Artikel. Als er sich später gegen Fotos und Entkleidung gewehrt habe, hätten sie ihn geschlagen. Die Polizei antwortete bisher nicht auf eine Anfrage von FAZ.NET zu den Vorwürfen. (Update von 14:14 Uhr: Die Polizei hat mittlerweile auf den Artikel von „The Guardian“ reagiert und die Vorwürfe zurückgewiesen.)

          Alles begann in der Version der Geschichte, die im „Guardian“ steht, damit, dass Naveed B. eine Straße überquert habe und los gerannt sei, weil ein Auto kam. Dann sei er von der Polizei gestoppt worden. Er habe sich ausgewiesen, die Beamten hätten ihn  weitergehen lassen, aber nach einigen Sekunden zurückgerufen und festgenommen. Mit gefesselten Händen und verbundenen Augen sei er zu verschiedenen Polizeistation gefahren worden, auf einer sei er ausgezogen und fotografiert worden. „Als ich mich wehrte, fingen sie an, mich zu schlagen."

          „Ich sagte ihnen ruhig, dass ich überhaupt nicht Auto fahren kann“

          Der Übersetzer der Polizei habe nur die in Pakistan verbreiteten Sprachen Pand­sch­a­bi und Urdu gesprochen, wobei er lediglich ein wenig Urdu verstehe, jedoch nicht viel sprechen könne. Er sei gefragt worden, ob er wisse, was in Berlin heute geschehen sei. „Ich sagte, ich weiß es nicht, und sie sagten mir: Jemand hat ein Fahrzeug genommen, es in eine Menschenmenge gefahren und viele Menschen getötet. Und du warst hinter dem Lenkrad, oder?"

          „Ich sagte ihnen ruhig, dass ich überhaupt nicht Auto fahren kann, ich kann nicht mal ein Fahrzeug starten. Ich sagte ihnen, es sei Tod und Krieg in meinem Land. Deshalb bin ich weggelaufen, um Hilfe zu suchen. Sie in Deutschland versorgen uns mit Nahrung, Medizin und Sicherheit. Sie sind wie meine Mutter. Wenn Sie feststellen, dass ich diese Dinge in Ihrem Land getan habe, sollten Sie mir keinen langsamen Tod gönnen."

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