https://www.faz.net/-gpf-8ono3

Anschlag in Berlin : Was wusste Lutz Bachmann?

Wusste er schon früh Details aus internen Ermittlungen? Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann am Tag vor dem Anschlag auf dem Theaterplatz in Dresden Bild: dpa

Schon zwei Stunden nach dem Anschlag in Berlin twitterte Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann, interne Polizeiermittlungen deuteten auf einen tunesischen Verdächtigen hin. War das nur geraten?

          Wusste Pegida-Gründer Lutz Bachmann schon kurz nach dem Terroranschlag Details aus Polizeiermittlungen? Um kurz nach 20 Uhr raste am Montagabend der Lkw in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. Und schon um 22:16, kaum zwei Stunden später, als gerade ein Pakistaner festgenommen worden war und zunächst als Hauptverdächtiger galt, brüstete Bachmann sich auf Twitter mit einer „internen Info“ aus der „Berliner Polizeiführung“, wonach der Täter ein tunesischer Moslem sei. „Das (sic!) der Generalbundesanwalt übernimmt, spricht für die Echtheit“, schrieb Bachmann weiter.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Am Mittwoch dann, als die Spur immer deutlicher nach Tunesien führte, legte Bachmann noch einmal nach. „Da stimmte meine Info von 1h nach dem Anschlag wohl doch? Polizei sucht nun Tunesier...“, twitterte er am Mittag. Wenige Stunden später schrieb das Bundeskriminalamt den 23 Jahre alten Anis Amri schließlich öffentlich zur Fahndung aus.

          Bachmanns Tweets sorgten für erhebliche Irritationen – und viele stellten sich am Donnerstag die Frage: Hatte der Pegida-Gründer nur zynisch geraten, weil auch der Lastwagen-Attentäter von Nizza ein Tunesier war, und lag möglicherweise leider zufällig richtig? Oder hatte die Berliner Polizei doch schon kurz nach dem Anschlag Hinweise auf Amri und jemand stach diese Interna womöglich tatsächlich an Bachmann durch – zu einem Zeitpunkt, als die Ermittlungen zumindest offiziell noch in eine ganz andere Richtung ging, nämlich in die des festgenommenen und am Dienstagabend wieder freigelassenen Pakistaners?

          Die Berliner Polizei wies diese Spekulationen am Donnerstagvormittag entschieden zurück. „Es ist hundertprozentig und eindeutig: Die Berliner Polizei hat erstmals am Dienstagnachmittag im Führerhaus des Lkw Hinweise auf einen tunesischen Tatverdächtigen gefunden“, sagte der Berliner Polizeisprecher Winfrid Wenzel zu FAZ.NET. Mehr sei zu Bachmanns Tweet derzeit nicht zu sagen.

          Am Donnerstagmittag, als das Thema in den Medien längst hochgekocht war, relativierte dann plötzlich auch der unter anderem wegen Anstiftung zur Falschaussage vorbestrafte Bachmann seine Äußerung. „Liebe Presse, ich gebe es zu, ich hatte natürlich nur meine Glaskugel und keinen Informanten!“, schrieb er auf Twitter. „Und jetzt bitte Ruhe geben, ok?“

          Das klang wie ein klares Dementi – und war doch so gewohnt ironisch-provokativ formuliert, dass die Causa bei manchem trotzdem einen schalen Nachgeschmack hinterließ. Weckte sie doch zumindest ungute Erinnerungen an den Fall der sogenannten Gruppe Freital in Sachsen, bei dem ein Bereitschaftspolizist verdächtigt wurde, Einsatzdetails vorab an führende Mitglieder der rechtsterroristischen Gruppe verraten zu haben. Der Beamte wurde vorsichtshalber vom Dienst suspendiert, ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet.

          Bachmann: „Man braucht nur die richtigen Verbindungen“

          Wie er an seine angeblichen internen Informationen gekommen sei, wurde Bachmann am Mittwoch auf Twitter offenbar in einem internen Mailwechsel von einer amerikanischen Reporterin gefragt, als er von einem Dementi noch nichts wissen wollte. „Ziemlich einfach“, antwortete Bachmann auf Englisch: „Man braucht nur die richtigen Verbindungen und einen Whistleblower, der von den Lügen genug hat.“

          Und nach Bachmanns Dementi am Donnerstagmittag schrieb ein Nutzer auf Twitter, er hoffe „inständig, dass deine Glaskugel niemals enttarnt wird“.

          Weitere Themen

          Bremer SPD nach Wahldebakel zerknirscht Video-Seite öffnen

          Historische Niederlage für SPD : Bremer SPD nach Wahldebakel zerknirscht

          Die SPD hat Prognosen zufolge ihre jahrzehntelange Vorherrschaft in Bremen an die CDU verloren. Bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag wurden die Christdemokraten zum ersten Mal in der Geschichte des Bundeslands stärkste Kraft, wie Prognosen zeigten.

          Der andere Anschlag

          Prozess in Berlin : Der andere Anschlag

          Heute beginnt in Berlin der Prozess gegen Magomed-Ali Ch. Er soll in der Hauptstadt mit zwei anderen Islamisten einen Anschlag vorbereitet haben. Einer davon war Anis Amri, der spätere Attentäter vom Breitscheidplatz.

          Topmeldungen

          Die Koalition nach den Wahlen : Warum die SPD untergeht

          Für die SPD könnte es nicht schlimmer kommen, und die Partei Helmut Kohls geht durch eine Riesenblamage. Die Abgeordneten der Koalition müssen sich fragen: Wie tief wollen wir noch sinken?

          Trauer und Jubel in Berlin : Den Grünen gehen die Superlative aus

          Während bei den Grünen die Freude über die Wahlergebnisse in Europa und in Bremen „wahnwitzig“ groß ist, ist die Stimmung bei der Union schon vor der Verkündung der Prognosen auf dem Tiefpunkt. Und bei der SPD wackelt die Parteichefin nach dem Doppeltiefschlag.

          Europawahl : Le Pens Rechtspopulisten führen in Frankreich

          Marine Le Pens Rassemblement National hat in Frankreich die Liste von Staatspräsident Emmanuel Macron überholt. Im Europaparlament werden Christ- und Sozialdemokraten ihre Mehrheit verlieren.

          SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

          In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.