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Pfarrer der Gedächtniskirche : „Auch Vergeltung bringt einen Menschen nicht zurück“

Berliner erheben ihre Stimme nach dem Anschlag: Der „Begegnungschor“, ein Flüchtlingschor aus Berlin, und der „Everybody-Can-Sing-Chor“ der Berliner Gedächtniskirche singen zusammen in Reaktion auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt Bild: dpa

Der Anschlag in Berlin fand direkt vor der Kirche von Pfarrer Martin Germer statt. Im Interview erzählt er, wie er die vergangenen Tage erlebte und was er den Trauernden rät.

          Herr Germer, Sie arbeiten seit mehr als zehn Jahren als Pfarrer in der Gedächtniskirche. Wie haben Sie am Montag von dem Anschlag erfahren?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Ich war gerade mit einer Mitarbeiterin nebenan im Europa-Center, als mein Handy geklingelt und unsere Pressesprecherin mir erzählt hat, was passiert ist. Ich bin dann sofort hin, die Polizei war gerade dabei, den Platz abzusperren. In der Gedächtniskirche selbst hat zur Zeit des Anschlags der Bach-Chor geprobt. Die Wände sind so schalldicht, dass sie erst mitbekommen haben, was los war, als jemand zum Rauchen vor die Tür ging. Dann wurde die Kirche schnell geräumt. Ich habe am Weihnachtsmarkt mit den Schaustellern gesprochen, die das hautnah miterlebt haben. Einer hat erzählt, dass er in einem der Stände gearbeitet hat, der zur Hälfte weggerissen worden ist und nur überlebt hat, weil er sich gerade seine Hände gewaschen hat. Ein anderer hat erzählt, dass auf einmal zwei Menschen tot vor ihm lagen, denen er eben noch Glühwein ausgeschenkt hatte. Mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich daran denke.

          Das verstehe ich. Mögen Sie trotzdem erzählen, wie es am Dienstag weiterging?

          Es kamen schnell sehr viele Menschen, die Kirche war wie jeden Tag geöffnet. Ab 11.30 Uhr lag das Kondolenzbuch aus, um 13 Uhr haben wir wie immer unser Friedensgebet gesprochen. Abends war dann der große Trauergottesdienst, der im Fernsehen und vor der Kirche übertragen wurde. Es war ein Miteinander der Religionen, ein ökumenisch breit angelegter Gottesdienst. Ein Rabbiner war da, im Publikum saßen viele Muslime. Die islamische Ahmadiyya-Gemeinde hat später vor der Tür ein Friedensgebet organisiert. Es gab natürlich auch Tränen, aber ich glaube für viele Menschen war es wichtig, gemeinsam an diesem Ort zu sein. Andere waren vielleicht eher abgeschreckt und wollten sich von dem Ort fernhalten, auch das verstehe ich gut.

          Martin Germer, Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin

          Die genauen Hintergründe der Tat sind noch unklar. Aber wie ist es für Sie als gläubiger Mensch grundsätzlich, dass Menschen immer wieder Anschläge begehen und das mit ihrer Religion begründen?

          Als Theologe weiß ich besser als jeder Kirchenkritiker, dass dieses Gefahrenpotenzial zu allen Religionen gehört, selbst im Buddhismus gibt es militante Strömungen. Oft spielen da soziale Faktoren eine Rolle, denken Sie an Irland. Wir müssen uns einfach klar machen, dass der Auftrag, der aus jeder Religion hervorgeht, der Frieden ist, kein Kampf, keine Ausgrenzung. Gerade hier an der Gedächtniskirche thematisieren wir das Woche für Woche. Jeden Freitag bitten wir um Vergebung für den Hass. Man muss noch mal ganz klar sagen: Was im Islam gerade passiert, das hat es alles im Christentum schon gegeben. Denken Sie an die Hexenverbrennungen, die Kreuzzüge. Es gibt keine Veranlassung, vom hohen Ross herab zu blicken, den Stab über Menschen zu brechen. Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir zum Frieden finden können.

          Sie waren 1997 mit Ihrer Frau wandern. Sie stürzte ab, brach sich das Genick und starb. Sie hielten Ihren leblosen Körper noch 45 Minuten im Arm. Kurz nach dem Unfall schrieben Sie: „Ich will das Geschehene annehmen, in mich hineinlassen und Schritt für Schritt zu begreifen suchen – mit Trauer, mit Tränen, mit Klagen – aber ohne Zorn und Bitterkeit – sondern in Frieden.“ Glauben Sie, das können die Angehörigen der Opfer jetzt auch schaffen?

          Als ich neben meiner toten Frau saß, habe ich tatsächlich gedacht: „Jetzt musst du das machen, was du schon so oft Menschen geraten hast. Das will jetzt so angenommen werden.“ Bei mir hat das geklappt, ich habe nicht gehadert. Wir waren zwölf Jahre zusammen, das war eine schöne Zeit, und meine Frau hat ein vielseitiges, erfülltes Leben gehabt. Es ist egal, wie lange ein Mensch gelebt hat, entscheidend ist, womit seine Lebenszeit gefüllt war. Wenn ein Mensch aus dem Leben gerissen wird, sollte man versuchen, zu sehen, was man miteinander hatte.

          Aber wenn ein Attentäter für den Tod eines geliebten Menschen verantwortlich ist, kommen das Hadern und der Hass nicht automatisch?

          Dass man von vornherein vom Hass absehen kann, dass man keine Vergeltungsphantasien hat, ist bestimmt die große Ausnahme. Aber ich sage, lasst Euch nicht von der Wut beherrschen, auch Vergeltung bringt einen Menschen nicht zurück. Wenn man nicht irgendwann vergibt, bleibt man in der Enge gefangen. Das Vergeben kann befreiend sein, das ist eine Grundlage unseres Glaubens. Aber das kann man nicht erzwingen. Bei dem Trauergottesdienst am Dienstag hat niemand von Vergebung gesprochen, das ist auch in Ordnung. Ich habe nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eine Predigt gehalten. Und ich habe das Vaterunser gesprochen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Manchen geht das zu weit, aber die Möglichkeit der Vergebung sollte wenigstens am Horizont stehen.

          Wie reagieren Sie darauf, wenn Sie jemand fragt, wie Gott so etwas zulassen kann?

          Jesus hat am Kreuz gesagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Mit der Warum-Frage kann man sich also auch bei Jesus wiederfinden. Ich verstehe, dass jemand dieses Gefühl hat, aber mein Gefühl ist es nicht. Auch bei dem Tod meiner Frau ging es mir anders. Mein Gottesverständnis ist nicht, dass Gott alles in der Hand hat, das wir seine Marionetten sind. Zur Welt gehören das Sterben, die Katastrophen, die Fehler und dass sich Menschen Schreckliches antun. Dem stehe ich nicht gleichgültig gegenüber, man sollte alles tun, um Leid zu verhindern. Aber meiner Vorstellung eines Gottes, der uns zum Frieden befähigt, widerspricht das Leid nicht.  

          Die Fragen stellte Sebastian Eder.

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