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Mutmaßlicher Attentäter Amri : Der meistgesuchte Mann Europas

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Amri wurde bereits im Juni als Asylbewerber abgelehnt, wie Jäger erklärte. „Der Mann konnte aber nicht abgeschoben werden, weil er keine gültigen Ausweispapiere hatte.“ Tunesien habe lange Zeit bestritten, dass es sich um seinen Staatsbürger handele. Die für die Abschiebung wichtigen tunesischen Ersatzpapiere seien erst an diesem Mittwoch bei den deutschen Behörden eingetroffen, sagte der Minister.

In Tunesien verhörten Ermittler nach einem Bericht der Zeitung „Al-Chourouk“ die Familie des möglichen Attentäters in der nordöstlichen Provinz Kairouan, einer Salafisten-Hochburg. Die Familie habe ausgesagt, dass sie keinen steten Kontakt mit Amri gehabt habe, seitdem er das Haus Ende 2010 verlassen habe. Sein Vater sagte dem tunesischen Sender Mosaique FM, Anis Amri habe Tunesien vor rund sieben Jahren verlassen. Dem Bericht zufolge wurde er in Abwesenheit wegen Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Seine Geschwister äußerten Zweifel, dass er für den Anschlag verantwortlich sei. „Als ich das Foto meines Bruders in den Medien gesehen habe, habe ich meinen Augen nicht getraut“, sagte der Bruder Abdelkader Amri in Tunesien der Nachrichtenagentur AFP. „Ich kann nicht glauben, das er das Verbrechen begangen hat.“ Sollte sich wider Erwarten doch herausstellen, dass sein Bruder für den Anschlag verantwortlich sei, verdiene er „jede Strafe“, fügte er hinzu.

Erste Verurteilung 2010

Nach dem Anschlag in Berlin führten die tunesischen Behörden laut „Welt“ Ermittlungen zu Amri und seiner Familie durch. Ersten Erkenntnissen zufolge habe er 2010 einen Lastwagen gestohlen und sei daraufhin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.

2011 kam er als Flüchtling nach Italien, wie die dortige Nachrichtenagentur Ansa berichtete, und wurde in einem Auffanglager auf Sizilien untergebracht. Weil er Sachbeschädigungen und „diverse Straftaten“ beging, kam er demnach in Palermo vier Jahre ins Gefängnis. Nach Informationen der „Welt“ wurde er wegen Gewalttaten, Brandstiftung, Körperverletzung und Diebstahls verurteilt. Mithäftlinge hätten ihn als gewalttätig beschrieben.

Im Frühjahr 2015 wurde Amri laut Ansa entlassen, konnte wegen Problemen mit den tunesischen Behörden aber nicht ausgewiesen werden. Er sei dann nach Deutschland weitergereist.

Fingerabdrücke zum Vergleich

Den italienischen Behörden liegen nach Information der „Welt“ Fingerabdrücke von Amri vor. Sie könnten dabei helfen, offene Fragen zum Tathergang in Berlin zu klären. So ließe sich durch Vergleiche mit Fingerabdrücken am Lkw und Tatort möglicherweise eindeutig feststellen, ob Amri am Steuer des Sattelschleppers saß. Bislang ist das nicht erwiesen.

Unklar ist auch, ob der IS wirklich hinter dem Anschlag steht. Er hat den Angriff für sich reklamiert und sich schon in der Vergangenheit immer wieder über sein Sprachrohr Amak zu Anschlägen in unterschiedlichen Ländern bekannt. Täterwissen gab der IS – wie in früheren Fällen – nicht bekannt.

Derweil hat die Polizei ihre Tatortarbeit auf dem Breitscheidplatz abgeschlossen und ihn offiziell wieder freigegeben. Der nach dem Anschlag geschlossene Weihnachtsmarkt zu Füßen der Gedächtniskirche soll am Donnerstag wieder öffnen. Um 11.00 Uhr soll es in der Kirche zudem eine Andacht geben.

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