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Anschlag in Berlin : Unsere Fähigkeit zu trauern

Und überhaupt diese Sache mit dem Staatsakt, der neuerdings wie das Instrument maximaler Würdigung und gesellschaftlicher Selbstvergewisserung schlechthin durch die Medien geistert: Wenn mit Siegfried Buback und Hanns Martin Schleyer zwei Opfer der Roten Armee Fraktion mit einem Trauerstaatsakt geehrt wurden, wenn die Angehörigen der NSU-Opfer vom früheren Bundespräsidenten Christian Wulff zu einer festlichen Gedenkveranstaltung eingeladen wurden – gebührt den Opfern des islamistischen Terrors, jetzt, da es uns geht wie Frankreich und all den anderen Ländern, nicht wenigstens ähnlich viel Aufwand?

Aus aller Welt kamen Kondolenzgrüße nach Berlin.
Aus aller Welt kamen Kondolenzgrüße nach Berlin. : Bild: Jens Gyarmaty

Keine Vergleiche aufstellen

Pfarrer Martin Germer sitzt vor seinem Papierstapel und schüttelt den Kopf. „Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir anfangen zu vergleichen“, sagt er. Weder müsse Frankreich für Deutschland ein Maßstab sein, noch müsse man sich hierzulande schämen, wenn man anders reagiere, als womöglich erwartet werde. Und: „Man muss manchmal auch akzeptieren, dass etwas nicht geht.“

In gewisser Weise ist es eine Fügung, dass der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt im Herzen der Stadt direkt neben einer großen Kirche passierte. Das Fachpersonal für den Umgang mit Trauer und Tod war gewissermaßen vor Ort: Die Wiedereröffnung des Marktes hießen Germer und seine Kollegen ausdrücklich gut, weil sie wissen, dass die Seele in Krisenzeiten eine Aufgabe braucht. Sie hielten Andacht um Friedensgebet um Gottesdienst. Sie suchten nach dem richtigen Zeitpunkt, um die Inseln aus Kerzen und Blumen, die sich rund um den Anschlagsort gebildet hatten, in Würde abzuräumen. Das Kondolenzbuch wird an diesem Donnerstag, einen Monat nach der Tat, geschlossen. „Trauer ist ein Weg, der verschiedene Etappen hat“, sagt Germer. „Dazu gehört es auch, dass solche Etappen markiert werden.“

Trauergottesdienst kam zu früh

Einen Haken hatte diese Kompetenz jedoch. Der Gottesdienst am Tag nach der Tat geriet in gewisser Weise zu groß, zu perfekt – und zu früh. Schließlich standen die Betroffenen noch unter Schock, die Toten waren noch gar nicht alle identifiziert. Ursprünglich, erzählt Germer, sei nur eine kleine Andacht geplant gewesen. Dann kündigte sich die geballte Spitzenpolitik an. Nur weil es für die damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen Erfahrungswerte gab, sei das so kurzfristig überhaupt möglich gewesen, sagt Germer. Im Handumdrehen wurde ein interreligiöses Friedensgebet vor den Altar gezaubert, das Regionalfernsehen übertrug live. In den folgenden Wochen, sagt Pfarrer Germer, habe auch er viel diskutiert, ob es ein weiteres zentrales großes Gedenken brauche. Aber: „Was sollte man da noch hinzufügen? Es war doch schon alles geschehen.“

Ähnliche Gedanken wird man sich auch im Bundespräsidialamt, im Bundesinnenministerium, im Bundestag und in der Berliner Senatskanzlei gemacht haben. Und man wird sich überlegt haben, welchen Schlamassel man sich einhandelt, wenn man aus Anlass des ersten großen islamistischen Anschlags in Deutschland eine Art Standard des Gedenkens etabliert: Macht man dann beim nächsten Anschlag dasselbe? Was, wenn es viel schlimmer kommt? Was ist bei weniger Toten? Und wann wird das Ganze Routine?

Gauck lädt die Angehörigen ins Schloss Bellevue ein

Ein Land, das sich mit dem Holocaust-Mahnmal ein einzigartiges Denkmal der Trauer geschaffen hat und nationales Pathos aus gutem Grund mit Fingerspitzen dosiert, darf sich besonnen vortasten bei der Suche nach einer angemessenen Reaktion. Und, um noch einmal auf Pfarrer Germer zurückzukommen, der geschätzte tausend Beerdigungen in seinem Leben gehalten hat: „Grundsätzlich ist jedes Leben einzeln und unverwechselbar. So ist es auch hier. Wir werden in jeder Situation wieder neu überlegen müssen.“

Inzwischen hat der Bundespräsident die Angehörigen der Toten ins Schloss Bellevue eingeladen, um sein Mitgefühl auszudrücken. Persönlicher Trost, ein Staatsoberhaupt, das Halt zu geben versucht – keine schlechte Idee.

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