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Anschlag in Berlin : Unsere Fähigkeit zu trauern

Kein Wunsch nach Kontakt zu den Medien

Man kann der jungen Frau nur wünschen, dass sich die Kooperation mit dem Blatt gelohnt hat. Denn für alle anderen Opfer stehen durchaus zweifelhafte Folgen im Raum. Der Opferbeauftragte des Landes Berlin, Roland Weber, berichtet von einem wachsenden Druck der Privatsender, die jetzt ebenfalls Geschichten und Bilder von Hinterbliebenen zu brauchen glaubten. Nur, sagt der Rechtsanwalt, alle Angehörigen, die sich an ihn gewandt hätten, würden ausdrücklich keinen Kontakt zu den Medien wollen: „Der Wunsch war schlichtweg nicht da.“

Die Blätter mit Worten der Anteilnahme werden jetzt gescannt und zum Buch gebunden.
Die Blätter mit Worten der Anteilnahme werden jetzt gescannt und zum Buch gebunden. : Bild: Jens Gyarmaty

Nach Amokläufen, Zugunglücken und Naturkatastrophen entwickeln Betroffene regelmäßig geradezu Hass auf Journalisten, weil zu viele es im Kampf um die dramatischste Story an Diskretion und Feinfühligkeit vermissen lassen. Anstatt zu jammern, dass die Opfer nicht richtig betrauert werden könnten, solange man ihre Identität nicht kenne, sollte Deutschland stolz darauf sein, dass es gelungen ist, die Angehörigen abzuschirmen. Oder, wie der Bundestagspräsident in seiner Ansprache am Donnerstag sagt: Angehörige wollten „nicht allein, aber in Ruhe gelassen“ werden. Der Schutz der Anonymität hat auch etwas mit Respekt oder Pietät zu tun.

Praktische Unterstützung statt Öffentlichkeit

Allerdings weiß auch der Opferbeauftragte Weber von Familien, die sich zwar keine Öffentlichkeit, sehr wohl aber mehr praktische Unterstützung wünschen würden. In vielen Fällen dauere es zu lang, bis finanzielle Ersthilfe gezahlt werde, die Leute kämpften mit komplizierten Formularen und verlören sich im Wust der Zuständigkeiten. Und „alles läuft immer nur auf Antrag“, habe ein überforderter Angehöriger erst diese Woche geklagt; dem Mann fehle, „dass eine staatliche Stelle hier konkrete schnelle Hilfe anbietet“. Der Opferbeauftragte des Landes arbeitet nur ehrenamtlich. Wie soll ein Mann allein eine größere Zahl an Betroffenen durch den versicherungsrechtlichen Dschungel lotsen? Was psychische Nöte angeht, kann Weber ohnehin nur an die Trauma-Ambulanz verweisen.

Rechtsanwalt Andreas Schulz, der als rechtlicher Vertreter für einige ausländische Opfer des Anschlags agiert, erinnert deshalb an den Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Toten. Damals habe die Lufthansa eine Art „Disaster Management Team“ aufgestellt, eine multiprofessionelle Gruppe empathischer Fachkräfte, die die Angehörigen geradezu vorbildlich betreut habe. Justus Münster, Leiter der Berliner Notfallseelsorge, fordert nach den jüngsten Erfahrungen eine „anlassbezogene Koordinierungsstelle“ in der Hauptstadt, damit man für Katastrophen in Zukunft besser gewappnet sei. Es müsse ja kein Anschlag sein.

Staatsakt als maximale Würdigung

In diesem Fall aber war es das, und vermutlich sorgt die Frage nach dem richtigen Umgang deshalb für Diskussionen. Der erste große islamistische Terroranschlag in Deutschland: Was heißt das eigentlich? Und was heißt das für die offizielle Reaktion? Müssen wir uns jetzt an dem nationalen, militärisch flankierten Pathos orientieren, mit dem das verwundete Frankreich jüngst gleich drei Attacken zu parieren suchte? Warum hat es knapp zehn Tage nach dem Amoklauf von München im vergangenen Sommer einen Gedenkgottesdienst in der Frauenkirche gegeben, bei dem der Bundespräsident die Namen der Opfer verlas? Kann es sein, dass das Land Nordrhein-Westfalen einen Staatsakt für die Opfer der Germanwings-Katastrophe veranlasst, auch mit einer Rede von Gauck – und in Berlin passiert das nicht?

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