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Anschlag in Berlin : Unsere Fähigkeit zu trauern

Kollektives Schweigen, Verdrängen, Weitermachen

Der Berliner „Tagesspiegel“ zitierte die Lebensgefährtin eines Schwerverletzten, die dem Staat vorwarf, die Opfer nicht ausreichend zu beachten, weshalb andere Medien seither pauschal behaupten, die Angehörigen wünschten sich mehr Aufmerksamkeit. Eine Woche später diagnostizierte dasselbe Blatt eine „spezifische Berliner Verdruckstheit“, gerade im Unterschied zu dem liebevollen Abschied, der einem jungen Mann aus Brandenburg von seinem Dorf bereitet worden war. In Berlin, so die Kritik: kollektives Schweigen, Verdrängen, Weitermachen. Und überall, immer wieder: Anspielungen auf die Deutschen als Tätervolk, das sich bedauerlicherweise schwertue mit einem Wir-Gefühl und der Trauer um eigene Opfer.

Zur Erinnerung: Pfarrer Gerner mit dem Papierstapel.
Zur Erinnerung: Pfarrer Gerner mit dem Papierstapel. : Bild: Jens Gyarmaty

Das war der Moment, als Pfarrer Germer der Kragen platzte, seine Lokalzeitung bekam einen ärgerlichen Brief von ihm. Jetzt blättert er durch den Papierstapel im Souterrain der Kirche. Der Sechzigjährige, Breitcordhose, Rolli und Sakko in sanft meliertem Anthrazit, passend zu Haarfarbe und Schnauzer, kommt gerade von einer Urnenbeisetzung. In seinem Beruf ist das Alltag. Oben, aus der Kirche, dringt Musik: Orgelunterricht.

Kondolenzbuch mit Nachrichten aus aller Welt

Der Pfarrer hält ein mit runden Mädchenbuchstaben beschriebenes Papierherz in der Hand, an dem Geschenkbänder in Rot und Gold sowie ein schwarzer Wollfaden hängen. Er sucht Einträge auf Griechisch, aus Holland und den Vereinigten Staaten heraus. Blauer Kuli auf Blütenweiß und Deutsch: „Hass ist krass. Liebe ist krasser.“ „In Gedanken sind wir bei den Opfern und ihren Lieben.“ „Berlin, was hat man dir angetan?“ „Wir trauern.“

Viele Menschen hätten lange angestanden, um ihr Mitgefühl zu Papier zu bringen, sagt der Pfarrer. Als er von einem Mann erzählt, der einen Brief geschickt habe, weil er im Gefängnis sitze und sich nicht persönlich in das Kondolenzbuch eintragen könne, schnieft er plötzlich. Um diese Jahreszeit könnte das Schnupfen sein. Aber Germer gibt unumwunden zu, dass der vergangene Monat ihn auch persönlich stark berührt hat. „Weinen hilft“, hat er oft genug gepredigt. Er greift nach einem Taschentuch.

„Bild“ berichtet über Tochter zweier Terroropfer

Zu diesem Zeitpunkt befinden sich nach Auskunft der Senatskanzlei noch elf Patienten wegen der Lasterattacke in Berliner Krankenhäusern. Acht davon fallen in die Kategorie „schwerstverletzt“. Insgesamt 45 Personen haben die Kliniken inzwischen verlassen. Wie es jedoch all diesen Menschen geht, wie den Angehörigen der zwölf Toten zumute sein mag, weiß man nicht. Dabei haben die Opfer soeben eine Art öffentliches Gesicht bekommen: Valeriya, Anfang zwanzig, eine hübsche blonde Studentin mit ukrainischen Wurzeln. Vier Tage in Folge breitet die „Bild“ ihre Geschichte aus.

Keine zehn Minuten vor dem Anschlag hatte der Vater ihr ein Handyfoto von der Mutter auf dem Weihnachtsmarkt geschickt. Jetzt, nach dem Tod der Eltern, steht Valerya ohne Einkommen da, mit einem verschuldeten Haus. Die Artikel lesen sich wie ein einziges Versagen von Behörden, Verantwortlichen, Versicherungen: Hinhalteparolen und scheinbar flächendeckende Unsensibilität. Vier Tage lang findet sich im Anschluss an die Berichterstattung ein Spendenaufruf für die junge Waise.

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