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Anschlag vor Weihnachten : Die verwundete Stadt

Eine Frau legt Blumen in der Nähe des Weihnachtsmarktes auf dem Breitscheidplatz ab. Bild: AP

Berlin ist gern cool, Berlin ist gern jung. Kann sich das nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt ändern? Früher gab’s sowas nicht, sagen manche.

          Dienstagmittag wissen viele Berliner, wohin mit sich und ihrer Trauer. An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche kann den Opfern des mutmaßlichen Anschlages gedacht werden, die dort nur ein paar Meter entfernt am Abend zuvor auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz durch einen Terroranschlag ums Leben kamen.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon drei Stunden nach Eröffnung der Kirche stehen dort mehr Kerzen, als sonst an einem gesamten Tag. Überall rund um den geschlossenen Weihnachtsmarkt brennen Lichter, sind Teddybären und Blumensträuße abgelegt. Etliche Berliner sind gekommen, um der zwölf Opfer zu gedenken, die offenbar ein terroristisch motivierter Täter mit einem gestohlenen Lastwagen als mörderische Waffe aus dem Leben gerissen hat. Sie sitzen ruhig in dem Gotteshaus, von Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstört und als Symbol für Frieden und Versöhnung im Herzen West-Berlins wiederaufgebaut. Viele ältere Menschen trauern still und auch einige wenige junge Leute. Sie stellen sich höflich an, um sich in das Kondolenzbuch der Stadt einzutragen.  

          Am Montagabend wussten viele Berliner noch nicht so richtig, wohin mit sich selbst und ihren Gedanken. Besucher, die abends aus den Kinos strömten, waren fassungslos. Sie standen kopfschüttelnd in kleinen Gruppen auf der Straße und starrten auf ihr Handy. Starrten, als ob sich durch Anschauen irgendetwas an den Fakten ändern würde. Mehrere Menschen tot, Dutzende verletzt, einige kämpfen in der Charité immer noch um ihr Leben.

          „Ich fahre keinesfalls S-Bahn, das ist zu unsicher“

          Doch es änderte sich nichts. George, ein 38 Jahre alter Schotte, der für eine Werbeagentur arbeitet, ruft verdutzt in sein Handy. Freunde hatten ihn angerufen, als die ersten Eilmeldungen als Breaking News auf den Smartphones aufblinkten. „What? Here in Berlin? A terroristic attack?" Er schreit es geradezu im Foyer des Kinos heraus, als ob sich dann irgendwas ändern würde. Den Schrecken wegschreien, so wie das Pfeifen im Wald früher die bösen Geister vertreiben sollte. 

          Andere sind hilfloser und irren herum. Julia, 30, sagt: „Ich weiß nicht, ob ich das jetzt schon verarbeitet habe oder gleich anfangen muss, mit Weinen“, sagt sie. Julia hadert mit dem Nachhauseweg. Taxi? „Ich fahre keinesfalls S-Bahn, das ist zu unsicher“. Am Ende bringt sie ihr  Begleiter doch noch nach Hause – in der S-Bahn. „Stell dir vor, wir wären doch zum Kino am Zoo gegangen, wie du es vorgeschlagen hast“, sagt sie zu ihm. „Nur zwei andere Entscheidungen, und wir wären auf dem Weihnachtsmarkt gewesen.“

          Bisher war man als junger Deutscher immer zehn, zwanzig Entscheidungen über den Verlauf eines Ausgehabends von Nizza, von London, von Madrid weg. Dieses Mal waren es nur zwei bis drei, und diese Erkenntnis scheint viele Berliner zu bedrücken. Viele weinen in ihrer Trauer an der Berliner Gedächtniskirche, andere stehen still da und halten sich an den Händen. 

          Berlin war nie eine dieser typischen fröhlichen Städte gewesen, die Berliner Unfreundlichkeit und Rotzigkeit ist legendär. Denn die Hauptstadt ist Kummer gewöhnt. Als Hitlers Zentrale des Nazi-Terrors in ganz Europa war sie eines der Hauptziele der alliierten Bomberflotten. Durch den Bau der Mauer wurden Familien entzweit und getrennt, emotional wie physisch. In West-Berlin agierte die RAF und ihre Ableger mit Banküberfällen und Entführungen. 1986 kamen drei Menschen bei einem von Libyens Diktator Gaddafi in Auftrag gegebenen Bombenattentat in einer Disco ums Leben, Dutzende wurden verletzt.

          „Wir feiern das Leben“

          Aber die vergangenen dreißig Jahre war es ruhig, die Teilung der Stadt wurde überwunden. Viele von den Millionen jungen Menschen, die heute in der Stadt wohnen und auch das Nachtleben genießen, kennen diese Geschichten nur noch aus dem Geschichtsbuch, wenn überhaupt. Berlin war deshalb womöglich genau der richtige Ort für einen solchen Anschlag. Anschläge, die ebenfalls für ihre Lebensfreude bekannte Städte Paris, Nizza oder Brüssel in den vergangenen Monaten schwer getroffen haben.

          Die Drahtzieher des brutalen Anschlags könnten mit ihrem zynischen Kalkül scheitern, Berlin als Sehnsuchtsort vieler Menschen ins Herz zu treffen. Der Berliner ist stur. Sturer als es jeder Terroranschlag sein könnte. Viele junge Menschen machen auch am Dienstag, wenige Stunden nach dem Anschlag, Pläne für den Abend. Zum Beispiel Marc, Student der Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität: „Wir gehen heute Abend auf dem Weihnachtsmarkt und danach irgendwo tanzen. Wir feiern das Leben“ Ob er nicht etwas Angst habe? „Vielleicht ein mulmiges Gefühl – aber ich lasse mich davon doch nicht einschüchtern", sagt er, kurz bevor er sich in das Kondolenzbuch einschreiben möchte. 

          Natürlich, es gibt sie auch, die kritischen Stimmen, die auf den Verdacht eingehen, dass ein Mann die Tat wenige Tage vor Weihnachten verübt haben könnte, der hier in Deutschland Zuflucht und Schutz gefunden hat. „Haste schon jehört, dat hier jestern neune überfahren wurden?", fragt ein Mann seine Begleiterin im breitesten Berlinerisch. „Jaja, schon schlimm" antwortet die Frau. „Aber wat willste machen?" „Alle abschieben", antwortet der wie aus der Pistole geschossen. Auch in der Berliner Gedächtniskirche sitzt eine ältere Frau, die ähnliches äußert: „Früher gab´s sowas ja nicht. Das hat alles erst mit den Flüchtlingen angefangen", raunzt sie ihrer jungen Begleiterin zu. Sie erntet Kopfschütteln, aber auch vereinzeltes Nicken. 

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