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Anschlag am Frankfurter Flughafen : Täter mit Kontakt zu Islamisten

Der Militärbus war nach Angaben der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei auf dem Weg zum amerikanischen Militärflughafen Ramstein Bild: Florian Manz

Bei einer Attacke auf einen amerikanischen Militärbus sind am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschossen worden, zwei weitere wurden schwer verletzt. Nach Angaben der Polizei schwebten die beiden Schwerverletzten auch am Donnerstagmorgen noch in Lebensgefahr.

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          Der 21 Jahre alte Kosovare Arid U., der am Mittwochnachmittag am Frankfurter Flughafen in einem Militärbus zwei amerikanische Soldaten erschossen und zwei weitere schwer verletzt hat, hat möglicherweise aus religiösen oder politischen Motiven gehandelt. Aus internationalen Sicherheitskreisen hieß es nach der Tat, der in Frankfurt lebende Mann sei zwar bisher nicht auffällig geworden. Allerdings soll er Kontakt zu Personen gehabt haben, die sich in radikal-islamischen Kreisen bewegen. U. selbst, der kurz nach den tödlichen Schüssen festgenommen werden konnte, machte zunächst keine Angaben. Er lebt offenbar seit vielen Jahren in Frankfurt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Offiziell wollte die Polizei am Mittwoch noch nicht von einem Anschlag sprechen, vieles deutete jedoch auf eine gezielte Tat hin. Der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) bezeichnete den Vorfall als „schweres Verbrechen“, das es nun in Kooperation mit den amerikanischen Sicherheitsbehörden aufzuklären gelte. Er sprach auch von „Gerüchten“, dass der Schütze so etwas wie „Allahu akbar“ (Allah ist groß) gerufen habe. Angeblich habe dies ein Zeuge gehört.

          Hinweise darauf, dass es sich um einen terroristischen Anschlag gehandelt haben könnte, geben auch die Opfer. Anders als zunächst kolportiert, handelt es sich nicht um Piloten der Air Force, sondern um Angehörige der Militärpolizei der amerikanischen Luftwaffe. Die etwa ein Dutzend Männer sind in Lakenheath, dem größten amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Großbritannien, stationiert. Sie waren mit einer Zivilmaschine aus London nach Frankfurt gekommen und sollten mit dem Bus zum amerikanischen Militärstützpunkt Ramstein gebracht, um von dort in den nächsten Tagen in den Einsatz nach Afghanistan oder in den Irak zu fliegen. Die Männer trugen zivile Kleidung.

          In diesem Militärbus erschoss der Täter den Fahrer des Busses und einen weiteren Armeeangehörigen

          Ist der Täter Dschihadist?

          In Sicherheitskreisen hieß es, der Täter müsse über die zeitlichen Abläufe sehr gut informiert gewesen sein. Er soll am Flughafen gearbeitet haben. Es sei nicht auszuschließen, dass die Tat lange vorbereitet gewesen sei. Zudem wurde der Fall noch auf einschlägigen islamistischen Internetseiten aufgegriffen und diskutiert. In einem der Foren wird Arid U. als „Dschihadist“ bezeichnet. U. soll auch eine Facebookseite haben, auf der er sich als Islamist zu erkennen gibt. Es gibt Gerüchte, dass er einen „Amoklauf“ geplant habe.

          Am Flughafen wurde kurz nach der Tat Terroralarm ausgerufen. Über ein Codewort, das mehrfach über Lautsprecher durchgesagt wurde, wurden die Sicherheitsmitarbeiter in den Terminals informiert. Wohl deshalb war es auch möglich, den Attentäter so schnell zu fassen. Er flüchtete nach der Tat in das Terminal 2, wo er von Beamten der Bundespolizei überwältigt und festgenommen wurde.

          Beamte der Spurensicherung des hessischen Landeskriminalamtes versuchten noch am späten Abend, den Tathergang zu rekonstruieren. Sie suchten den Tatort mit Metallsonden und Spürhunden ab und sicherten zahlreiche Spuren an dem Bus. Das Areal rund um das Terminal 2 blieb bis in die Nacht gesperrt.

          Den Erkenntnissen zufolge war Arid U. vor dem Terminal in den als amerikanisches Militärfahrzeug erkennbaren Bus gestiegen. Ob es dort zunächst zu einer verbalen Auseinandersetzung kam, blieb unklar. Die ersten Schüsse fielen jedoch sehr schnell, unter den Todesopfern ist auch der Fahrer des Busses. Weitere Schüsse fielen dann offenbar vor dem Bus. Möglicherweise hatten Soldaten versucht, aus dem Fahrzeug zu flüchten. Die zwei Schwerverletzten wurden von Kugeln in Kopf und Brust getroffen.

          Den Erkenntnissen zufolge trat Arid U. als Einzeltäter auf. Die Sicherheitsbehörden schließen aber nicht aus, dass er Komplizen gehabt haben könnte, die im Hintergrund gehandelt haben. Außer der Frankfurter Polizei und dem Landeskriminalamt sowie der Frankfurter Staatsanwaltschaft wurde auch das Bundeskriminalamt in die Ermittlungen eingebunden, ebenso die amerikanischen Sicherheitsbehörden. Bei der Bundesanwaltschaft hieß es, man werde erst wenn die Umstände der Tat und mögliche Motive klarer seien, entscheiden, ob man den Fall übernehme.

          Merkel und Obama bestürzt

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie sei bestürzt über den Zwischenfall. Die Bundesregierung werde alles tun, um schnell Klarheit zu schaffen. Frau Merkel sprach den Soldaten, ihren Familien und Angehörigen ihr Beileid aus. „Das ist ein furchtbares Ereignis.“

          Der amerikanische Präsident Barack Obama verurteilte die Tat. Er sagte bei einem unangekündigten Presseauftritt in Washington, die Vereinigten Staaten würden keine Mühen scheuen, um herauszufinden, wie die „abscheuliche Tat“ passiert sei. Die Regierung des Kosovo verurteilte „diese mörderische Tat eines Kosovaren“.

          Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte, er sei „schockiert und erschüttert“. Sein Beileid und Mitgefühl gelte den Angehörigen der Opfer und den Verletzten, die um ihr Leben kämpften. Sein Mainzer Amtskollege Kurt Beck (SPD) reagierte laut Staatskanzlei sehr betroffen auf die Tat und sicherte zu, man werde alles tun, um die in Rheinland-Pfalz lebenden amerikanischen Staatsbürger zu schützen.

          Der Betrieb am Frankfurter Flughafen wurde durch das Verbrechen kaum beeinträchtigt, es kam nach den Worten eines Sprechers zu keinen Flugausfällen oder Verzögerungen. Die meisten Reisenden bekamen von der Schießerei nichts mit, die Skyline-Bahn zwischen den beiden Terminals verkehrte im gewohnten Takt. Nur die Angestellten des Flughafens wurden zur „erhöhten Wachsamkeit“ aufgefordert.

          Anschläge auf amerikanische Soldaten in Hessen

          11. Mai 1972: Die Rote-Armee-Fraktion (RAF) verübt aus Protest gegen den Vietnamkrieg einen Bombenanschlag auf eine Kaserne in Frankfurt. Ein Oberst stirbt, 13 Menschen werden verletzt.

          1. Juni 1976: Eine Splittergruppe der RAF verübt ein Bombenattentat auf das V. Korps der Army in Frankfurt. 16 Amerikaner werden verletzt.

          1. Dezember 1976: Auf das Offizierskasino der Rhein-Main Air Base am Frankfurter Flughafen wird ein Anschlag verübt, acht Menschen werden schwer verletzt. Die Terroristengruppe „Revolutionäre Zellen“ bekennt sich zu der Tat.

          14. Dezember 1982: In Butzbach explodiert ein Sprengsatz, als ein amerikanischer Soldat sein Auto anlässt. Der junge Mann wird schwer verletzt. Am folgenden Tag wird in Darmstadt ein Offizier Opfer eines ähnlichen Anschlags. Als Täter werden im Jahr 1985 fünf Neonazis verurteilt.

          8. August 1985: Auf der Rhein-Main Air Base in Frankfurt explodiert eine Bombe. Zwei Amerikaner sterben. Einen weiteren Soldaten hatte die RAF zuvor nach einem Disko-Besuch ermordet, um mit seinem Ausweis auf das Gelände zu gelangen. (lhe.)

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