https://www.faz.net/-gpf-6w7pt

Anschläge auf Kirchen : Nigeria will Islamisten energisch bekämpfen

Die Sankt Theresa-Kirche im nigerianischen Madalla nach dem Anschlag Bild: Reuters

Die nigerianische Regierung hat nach der schweren Anschlagserie gegen christliche Kirchen ihre Entschlossenheit im Kampf gegen die islamistische Gruppe Boko Haram bekräftigt.

          3 Min.

          Die nigerianische Regierung hat nach der schweren Anschlagserie vom ersten Weihnachtstag ihre Entschlossenheit im Kampf gegen die radikale islamistische Gruppe Boko Haram bekräftigt. Ein Sprecher von Präsident Goodluck Jonathan kündigte an, die Ausgaben für Sicherheit würden erhöht. Er meldete zudem die Festnahme weiterer Verdächtiger. Am Sonntag waren bei Bombenanschlägen auf mehrere Kirchen und gegen nigerianische Sicherheitskräfte nach Angaben vom Montag mindestens 40 Personen getötet worden, unter ihnen auch Sicherheitskräfte. Die Gruppe Boko Haram hatte sich zu den Anschlägen bekannt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Regierung hatte zuletzt den Druck auf die radikalen Islamisten erhöht. In der vergangenen Woche waren bei Kämpfen im Nordosten des Landes mehr als 60 Personen getötet worden. Boko-Haram-Sprecher hatten in der nigerianischen Presse verkündet, die Gruppe werde nicht aufgeben und ihren Kampf für einen islamistischen Staat fortsetzen. Die Anschläge vom Sonntag auf die Besucher der Weihnachtsgottesdienste waren offenbar ihr Gegenangriff. Präsident Goodluck Jonathan sagte: „Die Bombenanschläge sind eine Bürde, mit der wir leben müssen. Das wird aber nicht ewig andauern.“ Er sprach von einem „Affront gegen unsere kollektive Sicherheit und Freiheit“. Das Land müsse sich vereint gegen die Gewaltakte stellen. Der Präsident versicherte, die Täter würden gefasst und vor Gericht gestellt.

          Der Sprecher des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, Jay Carney, sagte, die Regierung in Washington verurteile die „sinnlose Gewalt“ und den „tragischen Verlust von Menschenleben“ am Weihnachtstag. Deutschland, Frankreich und Großbritannien verurteilten die Terroranschläge ebenfalls scharf. Der Vatikan sprach von der „Grausamkeit eines blinden und absurden Hasses“, der keinerlei Respekt vor dem menschlichen Leben habe. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, sagte am Montag: „Zu keiner anderen Zeit sind Christen wegen ihres Glaubens so zahlreich verfolgt worden wie heute. Alle drei Minuten wird weltweit ein Christ wegen seines Glaubens getötet.“ Der schwerste Anschlag wurde auf eine Kirche in Madalla nahe der Hauptstadt Abuja verübt.

          Weitere Anschläge ereigneten sich in den Städten Damaturu und Gadaka im Bundesstaat Yobe, der zuletzt das Zentrum der Zusammenstöße zwischen den Sicherheitskräften und den radikalen Islamisten war. Eine weitere Explosion wurde aus Jos, der Hauptstadt des Bundesstaats Plateau, gemeldet.

          Die Spannungen zwischen Christen und Muslimen in Nigeria dürften nach den Anschlägen weiter zunehmen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, die Sicherheitskräfte seien am Sonntag mit Tränengas gegen aufgebrachte Jugendliche vorgegangen, die Barrikaden auf der Straße errichtet hatten, die aus der Hauptstadt Abuja in den muslimisch dominierten Norden führt. Nach der Verkündigung des Wahlsieges des aus dem Süden stammenden Christen Goodluck Jonathan im April waren dort schwere Unruhen ausgebrochen, bei denen Jugendliche gezielt Jagd auf Christen gemacht hatten.

          Eine durch eine Explosion beschädigte Kirche am Freitag in Maiduguri

          Im Bundesstaat Plateau und in dessen Hauptstadt Jos ist es seit 2001 immer wieder zu Massakern gekommen. Christen und Muslime begegnen sich in dieser christlich dominierten Enklave mit tiefem Misstrauen. Die religiösen Gegensätze sind dabei indes meist nur die vordergründige Ursache. Vielmehr geht es um Zugang zu staatlichen Ressourcen, um ethnische Rivalitäten und um demokratische Teilhabe.

          In Jos hatten die Extremisten von Boko Haram an Heiligabend 2010 zwei Bombenanschläge auf Märkte verübt und Dutzende Personen getötet. Die Sekte gründete sich im Jahr 2002; ihr Name bedeutet „Bücher sind Sünde“. Die Gruppe lehnt jede Form westlich inspirierten Lebensstils und aufgeklärter Bildung ab und bezichtigt die Regierung unter Präsident Goodluck Jonathan, sie stehe im Sold der westlichen Industriestaaten. Im Juli 2009 hatten ihre Kämpfer mehrere Städte im Norden angegriffen, wobei mindestens 800 Personen getötet wurden. Der Anführer der Extremisten, Mohammed Yusuf, war danach von der Armee gefangen, der Polizei übergeben und später tot aufgefunden worden. Boko Haram bekannte zu mehreren Anschlägen nach der Präsidentenwahl, etwa zu dem Bombenanschlag auf einen Biergarten in der Stadt Maiduguri im Juli und zum Selbstmordanschlag auf das Gebäude der Vereinten Nationen in Abuja Ende August. Die Opposition vor allem im Norden des Landes wirft der Regierung vor, die Unterstützung zu unterschätzen, welche die Sekte in der Bevölkerung habe.
           

          Weitere Themen

          Putin und Erdogan beraten über nächste Schritte

          Syrien-Konflikt : Putin und Erdogan beraten über nächste Schritte

          Knapp zwei Wochen nach dem Einmarsch türkischer Truppen im Norden Syriens trifft der russische Präsident Putin seinen türkischen Amtskollegen Erdogan zu Krisengesprächen. Reagieren die beiden auch auf einen Vorschlag aus Deutschland für eine international kontrollierte Sicherheitszone?

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.