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Angriff im „Thalys“ : Zug-Attentäter ist Islamist

  • Aktualisiert am

Ein belgischer Polizist patrouilliert am Samstag in Brüssel. Bild: dpa

Wie aus Pariser Polizeikreisen verlautet, steht die Identität des bewaffneten Mannes, den Reisende in einem französischen Schnellzug überwältigten, fest. Nach F.A.S.-Informationen aus deutschen Sicherheitskreisen hatte der mutmaßliche Täter offenbar Kontakte zum „Islamischen Staat“.

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          Der Thalys-Attentäter ist formal identifiziert worden. Bei dem Verdächtigen handele es sich um einen Marokkaner namens Ayoub El Khazzani, der von den spanischen Geheimdiensten als radikaler Islamist eingestuft worden sei, verlautete am Samstag aus Pariser Polizeikreisen. Der 25 Jahre alte Mann sei anhand verschiedener Elemente identifiziert worden, darunter seinen digitalen Fingerabdrücken. Der Polizeigewahrsam für den mutmaßlichen Attentäter wurde am Abend verlängert.

          Nach Angaben der spanischen Ermittler lebte El Khazzani sieben Jahre lang in Spanien - zunächst in Madrid, dann bis 2014 in Algeciras, dann sei er über Frankreich ins Bürgerkriegsland Syrien gereist. Hier hatte er möglicherweise an Aktionen der Organisation „Islamischer Staat“ teilgenommen. Wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (F.A.S.) aus deutschen Sicherheitskreisen erfuhr, hat er auf dem Weg dorthin am 10. Mai am Flughafen Berlin-Tegel zu einem Flug nach Istanbul eingecheckt. Nach Angaben spanischer Behörden soll er am 26. Mai wieder in Belgien eingetroffen sein.

          Nach der Attacke in einem Thalys nach Paris patrouillieren nun Polizisten in den Hochgeschwindigkeitszügen. Zur Zeit seien dies französische Sicherheitskräfte, es werde aber auch erwogen, belgische und niederländische Polizisten einzusetzen, sagte eine Sprecherin der belgischen Bahngesellschaft SNCB der Nachrichtenagentur Belga am Samstag. Auch an den Bahnsteigen in Brüssel, wo Thalys-Züge halten, werde Polizei eingesetzt.

          Am Freitag hatte ein Mann in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris mit einer Kalaschnikow geschossen, bevor er von Fahrgästen überwältigt wurde. Bei dem Vorfall wurden zwei Menschen verletzt. Die Motive Täters, der in der französischen Stadt Arras der Polizei übergeben wurde, sind noch unklar. Französische Ermittler prüfen, ob es einen terroristischen Hintergrund gibt. Der Festgenommene wurde nach Angaben des französischen Fernsehsenders BFMTV am Samstag für weitere Vernehmungen in die Nähe von Paris gebracht, um dort weiter befragt zu werden.

          Er sei den spanischen Sicherheitsbehörden bekannt gewesen. Die spanischen Geheimdienste hätten ihn als radikalen Islamisten eingestuft und und den französischen Behörden gemeldet. Diese hätten eine Akte zu ihm angelegt, was aber nicht notwendigerweise bedeute, dass er unter Überwachung stand. Der Mann hatte am Freitag mehrere Waffen und Magazine bei sich.

          Mitreisende verhinderten offenbar furchtbares Drama

          Die Mitreisenden hatten am Freitagabend verhindert, dass der bewaffnete Mann auf der Fahrt durch das französisch-belgische Grenzgebiet ein Blutbad in dem Zug anrichtete. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sagte, es sei offenbar ein „furchtbares Drama“ verhindert worden.

          „Wir hatten unfassbares Glück“, sagte Alek Skarlatos dem britischen Nachrichtensender Sky News, der mit zwei Freunden im Zug unterwegs war. Der 22 Jahre alte Angehörige der amerikanischen Nationalgarde hatte zusammen mit ihnen den Angreifer überwältigt. Das russische Schnellfeuergewehr des Täters vom Typ Kalaschnikow habe geklemmt; der bewaffnete Mann habe offenbar nicht gewusst, wie er das Problem beheben könne.

          Anderen Medien nach sagte Skarlatos weiter, er habe zunächst „Schüsse und berstendes Glas gehört“. Dann sei der Angreifer in das Abteil getreten. Einer seiner Freunde, der amerikanische Luftwaffensoldat Spencer Stone, sei aufgesprungen und habe den Schützen am Hals gepackt, während er ihm die Waffe aus der Hand geschlagen habe. Während zunächst nur von den beiden amerikanischen Soldaten gesprochen worden war, griff laut übereinstimmenden, späteren Berichten mit dem Studenten Anthony Sadler auch der dritte der Freunde ein. Auch ein mitreisender Brite gab an, an der Festnahme beteiligt gewesen zu sein. „Wir haben ihn letztlich gefesselt, aber dann hat er währenddessen tatsächlich ein Messer gezogen und Spencer geschnitten“, sagte der der 62 Jahre alte Chris Norman. Skarlatos sagte weiter, schließlich hätten sie „ihm gegen den Kopf geschlagen, bis er bewusstlos war.“

          Frankreich : Fahrgäste berichten von der Attacke im Thalys-Zug

          Obama: „Heldenhafte Taten“

          Amerikas Präsident Barack Obama lobte den Mut der Passagiere. Sie hätten mit ihren „heldenhaften Taten“ möglicherweise eine weitaus schlimmere Tragödie verhindert, hieß es nach Angaben des Weißen Hauses. Auch in sozialen Netzwerken wurden sie gefeiert.

          Der Vorfall ereignete sich am Freitag gegen 17.45 Uhr. Noch am Abend zog die für Terrorismus zuständige Pariser Staatsanwaltschaft den Fall an sich. Belgiens Premierminister Charles Michel hatte schon früh von einem Terroranschlag gesprochen, die französischen Behörden legten sich aber noch nicht fest und betonten, das Motiv sei noch nicht geklärt.

          Frankreich : Verletzte bei Schießerei in französischem Zug

          Frankreich war in den vergangenen Monaten mehrfach Ziel von Terroranschlägen oder -plänen mit islamistischem Hintergrund. Im Januar schockierten die blutigen Attacken auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt das Land, Ende Juni sorgte ein brutaler Mord in einer Chemiefabrik bei Lyon für Schlagzeilen. Mehrfach berichteten die Behörden von vereitelten Terrorplots, beispielsweise gegen Kirchen.

          In der Region Paris gilt die höchste Terrorwarnstufe, Soldaten stehen vor gefährdeten Gebäuden Wache, die Regierung versprach mehr Polizisten. Wann die Staatsanwaltschaft sich offiziell zu den Ermittlungen äußern würde, war am Samstag zunächst unklar. „Alles wird getan, um Licht in dieses Drama zu bringen“, versprach der französische Präsident François Hollande am Freitag. Er vereinbarte mit Belgiens Premierminister Michel, bei der Aufklärung der Tat eng zusammenzuarbeiten.
           

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