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Merkel und ihre Gesundheit : Kein Prahlen – kein Jammern

  • -Aktualisiert am

Platz nehmen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen beim Empfang vor dem Kanzleramt am vergangenen Donnerstag. Bild: dpa

Angela Merkel sagt, es gehe ihr gut. Und sie sagt noch mehr. Das macht sie stark.

          Die Bundeskanzlerin zittert. Die Bürger haben es bemerkt, da es in aller Öffentlichkeit geschehen ist, dreimal binnen gut drei Wochen. Es gibt ein breites Spektrum von Möglichkeiten, darauf zu reagieren, von gar nicht bis Hans-Georg Maaßen. Der ehemalige Präsident des Verfassungsschutzes proklamierte diese Woche auf Twitter: „Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist keine Privatsache. Die Menschen in Deutschland haben ein Recht zu erfahren, ob der Regierungschef gesundheitlich noch in der Lage ist, sein Amt mit ganzer Kraft auszuüben.“ Wer wollte das bestreiten? Indem Maaßen so staatstragend anmahnte, nichts zu verheimlichen, insinuierte er, irgendwelche Mächte könnten genau das vorhaben.

          Maaßen verlinkte einen Artikel der „Bild“-Zeitung, der von Merkels Zittern handelte. Dies war insofern überraschend, als es kein Link zur „Neuen Zürcher Zeitung“ war. Denn jenes Blatt, das hatte Maaßen zwei Tage zuvor noch getwittert, ist sein „Westfernsehen“, woraus man schließen kann, dass er sich in einer Diktatur wähnt. Die Schweizer Zeitung sah sich genötigt, öffentlich festzustellen: „Wir sind kein Westfernsehen. Dieser Vergleich ist unpassend und Geschichtsklitterung.“ Das nur nebenbei; kleiner Blick in den Abgrund, nun zurück nach ganz oben, zur Kanzlerin.

          Merkel tritt auf und auf und auf

          Sie tut ihre Arbeit. Nichts deutet darauf hin, dass ihr das schlechter gelingt als sonst. Sie spricht wie immer, reist wie immer, wird von ihren Gegnern attackiert wie immer. Merkel übt ihr Amt aus, hinter verschlossenen Türen und auch davor: Sie tritt auf und auf und auf. So viele Termine, wie die Bundeskanzlerin in dieser Woche hatte, haben manche im ganzen Jahr nicht. Die Kanzlerin hat, Zittern hin oder her, keinen einzigen abgesagt. Sie sagt, es gehe ihr gut. Aber sie ignoriert das Zittern nicht und die Besorgnis vieler Bürger darüber auch nicht.

          Merkel erklärt sich. Klingt einfach, ist aber schwer. Nur wenigen Menschen gelingt es. Besonders schwer ist es für diejenigen mit besonders viel Macht. Je stärker sie sein müssen, desto deutlicher fällt Schwäche auf. Und je stärker sie tatsächlich sind, desto souveräner gehen sie mit Schwäche um. Das kann jeder Deutsche jeden Tag an sich und seinen Mitmenschen beobachten, zum Beispiel am Arbeitsplatz. Hat Ihr Chef Ihnen gegenüber schon mal eine Schwäche zugegeben? Wenn ja, herzlichen Glückwunsch, wenn nein, herzliches Beileid. Dass die Kanzlerin gezittert hat, braucht sie nicht zuzugeben. Es war unübersehbar. Aber sie hätte es bewenden lassen können mit der Erklärung, es gehe ihr gut.

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          Stattdessen sagte sie, nachdem sie das zweite Mal gezittert hatte, vor Journalisten: „Ich bin überzeugt, so wie diese Reaktion aufgetreten ist, so wird sie auch wieder vergehen.“ Es war kein Zufall, dass sie von einer „Reaktion“ sprach. Diese Woche kam sie darauf zurück: Sie sei in einer „Verarbeitungsphase“ der militärischen Ehren mit dem Präsidenten Selenskyj; da hatte sie zum ersten Mal gezittert. Als Grund nannte sie damals, sie habe zu wenig getrunken. Diese Verarbeitung sei „offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen, aber es gibt Fortschritte, und ich muss jetzt eine Weile damit leben“. Merkel sagt also, sie habe beim zweiten und dritten Mal gezittert aus der Sorge heraus, wieder zu zittern. Das muss man erst mal bringen.

          Memoiren haben keine Feinde

          Kaum ein Mächtiger spricht, während er die Macht hat, öffentlich über den Druck, der dadurch auf ihm lastet. Hinterher ist es leicht; Memoiren haben keine Feinde. Im Bemühen, unverwundbar zu wirken, verrenken Amtsträger sich aufs absonderlichste; Trump etwa hat sich zum „extrem stabilen Genie“ ausgerufen. Die Hoffnung dahinter ist wohl: Das Pfeifen im Walde schallt als Fanfare hinaus. Merkel hat so etwas nie gemacht; das Prahlen ist nicht ihre Sache, das Jammern aber auch nicht. Dazwischen liegt das Handeln.

          Als die Bundeskanzlerin diese Woche die dänische Regierungschefin empfing, standen da zwei Stühle. Die Frauen nahmen Platz, um die militärischen Ehren abzunehmen. Merkel zitterte nicht. Dass sie saß, tat der Würde der Veranstaltung keinen Abbruch; bei Veranstaltungen, die in einem anderen Rahmen stattfanden, stand Merkel ohne Probleme wieder, so etwa am Freitag bei ihrer Rede zur Eröffnung einer Galerie auf der Berliner Museumsinsel (so was macht die Kanzlerin nebenher also auch). Das Leben geht weiter.

          Der Druck bleibt. Er wird sogar stärker dadurch, dass nun alle ganz genau hinschauen. Aber Merkel hat dem etwas entgegengesetzt: die Stärke, über eine Schwäche zu sprechen, so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Was sie gesagt hat, gilt für jetzt; falls eine neue Lage eintritt, die die Bürger etwas angeht, wird sie das, so darf man hoffen, ebenfalls sagen. Der Rest ist Regierungsarbeit.

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