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Transatlantische Beziehungen : Die neue Distanz der Angela Merkel

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel und Donald Trump unterhalten sich beim G7-Treffen auf Sizilien Bild: Reuters

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland waren schon oft angespannt – auch vor der Präsidentschaft Donald Trumps. Merkels Abkehr von Washington ist dennoch überraschend. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Seit 1945 gehört es zu den politischen Zielen der Sowjetunion und später Russlands, einen Keil zwischen Deutschland und die Vereinigten Staaten zu treiben. Anfangs verfolgte die Sowjetunion diese Strategie ganz buchstäblich, indem sie einseitig in Ostdeutschland einen Marionettenstaat einrichtete. Dann versuchten die Sowjets, den westlichen Alliierten den Zugang nach Berlin zu verwehren. 1963 bauten die Sowjets eine Mauer, die die Stadt teilte. Mit diesen Manövern wollte Moskau Amerika zu der Einsicht zwingen, die Verteidigung einer freien und unabhängigen, fest im Westen verankerten Bundesrepublik Deutschland sei all diese Mühen nicht wert. Aber der sowjetische Versuch, einen Keil zwischen die Vereinigten Staaten und Deutschland zu treiben, bewirkte nur das Gegenteil. Von der heroischen Berliner Luftbrücke (mit der die westliche Hälfte der Stadt während der elfmonatigen sowjetischen Blockade am Leben erhalten wurde) bis hin zu wegweisenden Reden von John F. Kennedy (»Ich bin ein Berliner«) und Ronald Reagan (»Mr. Gorbachev, tear down this wall!«) stärkte die sowjetische Aggression nur die amerikanische Entschlossenheit.

          Während des gesamten Kalten Krieges bildeten die Sehnsucht nach Blockfreiheit, ein tief verwurzelter kultureller Antiamerikanismus und Nachkriegsschuldgefühle gegenüber der Sowjetunion einen fruchtbaren Boden für die Bemühungen des Kreml, Westdeutschland für die Neutralität zu gewinnen. Der Beitritt der Bundesrepublik zur Nato war heiß umstritten. Viele Deutsche hätten sich lieber auf eine Wiedervereinigung mit dem Osten und eine Neutralität nach Stalins Bedingungen eingelassen, statt sich in dem von Kennedy so genannten »Kampf in der Dämmerung« auf die Seite des Westens zu stellen. Wegen seiner Politik der Westbindung erhielt Bundeskanzler Adenauer von seinen politischen Gegnern den Beinamen »Kanzler der Alliierten«. Der massenhafte deutsche Widerstand gegen die amerikanische Außenpolitik erreichte seinen Höhepunkt in den Auseinandersetzungen um den Nato-Doppelbeschluss der frühen achtziger Jahre, als der Deutsche Bundestag nur mit knapper Mehrheit der Aufstellung atomar bestückter Mittelstreckenraketen auf bundesdeutschem Staatsgebiet zustimmte. Die Proteste gegen diesen Beschluss sind bis heute die größten Demonstrationen in der Geschichte Nachkriegsdeutschlands.

          Schon aufgrund seiner Größe und seiner geographischen Lage im Zentrum der Ost-West-Konfrontation war Deutschland während des Kalten Kriegs der wichtigste europäische Verbündete Amerikas. Und auch lange nach dem Ende des Kalten Kriegs ist Deutschland unser wichtigster Partner auf dem europäischen Kontinent. Auch wenn Deutschland nicht mehr das amerikanische Protektorat von einst ist, hängt es doch hinsichtlich seiner Sicherheit und seines wirtschaftlichen Wohlergehens immer noch stark von den Vereinigten Staaten ab, und immer noch sind zehntausende amerikanische Soldaten auf deutschem Boden stationiert.

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          Snowden als Spalter des Westens

          Im Zuge seiner Bemühungen, den Westen zu spalten, versucht das postsowjetische Russland nun abermals, einen Keil zwischen Deutschland und die Vereinigten Staaten zu treiben. Das geschickteste jüngere Beispiel für diese Strategie sind die Enthüllungen Edward Snowdens, die zwar ganz allgemein das Ansehen der Vereinigten Staaten schädigen, insbesondere aber antiamerikanische Gefühle im bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Land Europas schüren sollten. Von allen Ländern der Erde, in denen die National Security Agency operiert, lösten die in Deutschland durchgeführten Operationen (wie das angebliche Abhören des Handys der Bundeskanzlerin) die größte Empörung aus. Diese überzogene Reaktion lässt sich nicht allein durch die besondere Empfindlichkeit der Deutschen in Fragen der Überwachung erklären; dahinter steckte auch eine ganz bewusste Strategie der Führungsleute Snowdens in Russland, die darauf abzielte, den amerikanischen Interessen einen möglichst großen Schaden zuzufügen.

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