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Angela Merkel : Die einsame Vorsitzende

Wirkt als öffentliche Figur fast immer angespannt: Angela Merkel Bild: dpa

Angela Merkel hat sich Qualen auferlegt, um am Ende triumphieren zu können. Vor dem CDU-Parteitag wirkt die Vorsitzende wie eine Fremde. Eine Verlorene, die ihr Selbstvertrauen als Politikerin daraus gewonnen hat, daß sie Grenzen überwindet.

          7 Min.

          Wenn „die Vorsitzende“ auftritt, hält sie sich meist die Hände frei. Keine Handtasche, auch keine Aktenbündel oder Unterlagen. Beim Gehen schwingen die Arme links und rechts, fast so, als durchschritte sie halbhohes Wasser. Das wirkt schon distanzgebietend. Wenn sie auf dem Parteitagspodium sitzt, deutlich kleiner in der Statur als die sie umgebenden Männer der Parteiführung, dann scheint es, als vereinzele die Gruppe rings um sie eher, als sie zu beschirmen.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Angela Merkel ist Vorsitzende einer Partei mit 600.000 Mitgliedern. Sie steht vor einer Wiederwahl, bei der sie so um 90 Prozent Zustimmung von 1.000 CDU-Delegierten erwarten darf. Sie wird als Kanzlerkandidatin 2006 die Unterstützung ihrer Partei beanspruchen müssen. Warum wirkt Angela Merkel trotzdem so allein? Strahlt sie die Einsamkeit aus, oder wird sie ihr zugemutet?

          Ehrfurchtgebietender Ehrgeiz

          Angela Merkel hat das Alleinsein früh gelernt. Sie hat daraus einen ehrfurchtgebietenden Ehrgeiz zur Selbständigkeit entwickelt. So kann sie die Einsamkeit hinnehmen, die sich aus den Umständen ergibt. Aus den Zwängen einer Spitzenposition ohnehin, in ihrem Falle aber auch aus der individuellen Konstellation einer Frau unter Männern und, immer noch, einer Ostdeutschen unter Westdeutschen.

          Merkel: Das Kalkül „Ehrlichkeit” zu illustrieren
          Merkel: Das Kalkül „Ehrlichkeit” zu illustrieren : Bild: dpa

          Das „Ostdeutsche“ ist als Merkmal nach 15 Jahren Teilungsende allerdings matt geworden. Die Jugend in der Uckermark, gewiß, Schule und FDJ, aber als Geburtsort Hamburg im Ausweis und als Zuhause eine evangelische Pfarrerswohnung. Das ergibt kein typisches Milieu, sondern widersprüchliche Einzelheiten. Sie erzählt, daß sie nach ihrem Abitur mit Rucksack auf Abenteuertour ging, quer durch „die SU“, die Sowjetunion, und daß es nicht übermäßig schwer gewesen sei zurechtzukommen, der Gastfreundlichkeit vieler Menschen wegen. Man kann es trotzdem als erste Probe für eigenen Wagemut nehmen.

          Ein einziger langer Balanceakt

          Viel später, 1999, nach dem ersten Jahr als CDU-Generalsekretärin, ist von ihr der Satz notiert worden, „es ist mir vergönnt gewesen, an meine eigenen Grenzen zu stoßen“. Erst wenn man seine Grenzen kenne, „kann man Selbstbewußtsein entwickeln“.

          In der Rückschau erscheint die Merkelsche Laufbahn als ein einziger langer Balanceakt auf dieser Grenzschnur, allenfalls abgesehen von jener jungen Erwachsenenzeit, die sie als Physikerin an einem Berliner Akademie-Institut verbrachte, wo sie auch ihren jetzigen Mann, den Chemiker Joachim Sauer, kennenlernte. Dann begannen die ersten, gleich überstürzten stolpernden Schritte auf dem Seil; binnen eines Jahres wurde sie erst Aktivistin einer der vielen politischen Gruppierungen, die sich im Zusammenfall der DDR bildeten, dann stellvertretende Regierungssprecherin in der Sechsmonatsära des Kabinetts de Maizière, dann Bundestagsabgeordnete und schließlich Bundesministerin für Frauen und Jugend.

          Mit Eifer eine außergewöhnliche Karriere

          Der Takt der Schritte hat sich seither etwas verlangsamt, aber das Seil ist dünn geblieben: 1991 stellvertretende CDU-Vorsitzende, 1993 CDU-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, 1994 Bundesumweltministerin, 1998 CDU-Generalsekretärin, 2000 CDU-Vorsitzende, 2002 auch Unionsfraktionsvorsitzende, Ende 2005 wird sie voraussichtlich Kanzlerkandidatin sein.

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