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: Andersgläubige oder andere Gläubige?

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Der Leiter des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) ist nicht als Scharfmacher bekannt. Im September 2006 war Ali Bardakoglu aber der erste muslimische Kritiker Papst Benedikts XVI.

          Der Leiter des türkischen Präsidiums für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) ist nicht als Scharfmacher bekannt. Im September 2006 war Ali Bardakoglu aber der erste muslimische Kritiker Papst Benedikts XVI. und der Regensburger Rede: "Aus den Worten des Papstes spricht eine Kreuzfahrermentalität", befand der Diyanet-Vorsitzende; die Warnung Benedikts vor einer Religion, die Gewalt im Namen Gottes nicht ausschließt, sei selbst gefährlich: "Die Anhänger einer Religion kann man kritisieren. Aber das Heilige einer Religion, ihren Propheten, ihre Schrift beleidigen, das ist Arroganz, das ist ein Ausdruck von Feindschaft, das ist ein Unglück und stiftet Streit zwischen den Religionen."

          Vier Jahre später lassen sich die Folgen jenes stürmischen Herbstes besser abschätzen als unmittelbar nach dem Unwetter. Hat Benedikt dem Gespräch zwischen Katholiken und Muslimen wirklich die Grundlage entzogen, wie viele damals wissen wollten? Rückblickend kann man die katholisch-islamischen Beziehungen in den letzten fünfzig Jahren in drei Phasen einteilen. Jede von ihnen lässt sich mit einem Stichwort charakterisieren: Wahrnehmung, Wohlwollen, Wissenschaftlichkeit.

          Während des Pontifikats von Paul VI. (1963 bis78) verabschiedete das II. Vatikanische Konzil eine Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen: den verhältnismäßig kurzen Text "Nostra Aetate". Dies ist das erste Konzilsdokument, das die Muslime erwähnt. Es ist also von Menschen die Rede, nicht von deren Religion an sich, dem Islam. Das Glaubensleben der Muslime wird mit Respekt beschrieben; deshalb verweist man auch von muslimischer Seite gern auf diesen Text. Türkische Theologen können den entscheidenden Satz mitunter auswendig zitieren: "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat." Anschließend ermutigen die Konzilsväter Christen und Muslime, nach so viel Streit in der Vergangenheit einander verständnisvoll zu begegnen und gemeinsam für Gerechtigkeit und Frieden einzutreten.

          Was war an dieser Äußerung neu? Seit der Entstehung des Islams haben sich Christen mit dieser Religion beschäftigt. Der Glaube der Muslime geriet jedoch nur insoweit in den Blick, als man überlegte, wie er zu widerlegen sei; oder er wurde harmoniefreudig als eine andere Ausdrucksweise der einen wahren Religion dargestellt. Mit Respekt vor dem Islam als Ausdruck nichtchristlicher Frömmigkeit äußerten sich Bischöfe und Theologen in der Geschichte der Kirche nur dann, wenn sie unmittelbar zu Muslimen sprachen. Jetzt aber findet eine anerkennende innerkirchliche Reflexion über Andersgläubige statt.

          Am umstrittensten zwischen Christen und Muslimen ist, was als Offenbarung Gottes gelten kann. Während die Frage der Reformation gelautet hatte, ob die Katholiken die Bibel als den Text der Offenbarung richtig ausgelegt haben, so behauptet der Koran, der Offenbarungstext der Christen selbst sei nicht der richtige (Sure 5:13-15). Der Koran wollte also die Bibel richtigstellen, die Christen für das zentrale Offenbarungszeugnis halten.

          Der Koran war jedoch nicht nur darauf aus, das eine oder andere Bibelwort richtigzustellen. Er bestritt und bestreitet die grundlegende Glaubensaussage des Christentums, nämlich den biblisch bezeugten Anspruch Jesu Christi, durch ihn sei das Gottesreich eröffnet. Die aufschließende und abschließende Endgültigkeit Jesu wird im Islam nicht anerkannt. Wer nämlich meint, nach Jesus sei eine neue göttliche Offenbarung erforderlich oder gar schon ergangen, der erkennt nicht an, was nach Ausweis des Neuen Testaments und der historischen Forschung Jesus selbst von sich sagte.

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