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Analyse : Hauptdarsteller in Abwesenheit

Auf der Suche nach der neuen Mitte: Westerwelle und Möllemann wollen Gerhardt loswerden Bild: AP

Die Liberalen tun derzeit wieder das, was sie am besten können. Sie beschäftigen sich mit sich selbst. Ihr Chef Gerhardt ist in Bedrängnis. Die Konkurrenten heißen Westermann und Möllewelle. Oder umgekehrt.

          3 Min.

          Es gibt wenige Menschen, die immer und überall die Hauptrolle spielen - sogar in Abwesenheit. Jürgen Möllemann ist so ein Mensch. Der Vorsitzende der FDP in Nordrhein-Westfalen mit höheren Ambitionen ist bei Treffen seiner Partei kein gern gesehener Mann. Meist entscheidet er sich, solchen Terminen fernzubleiben, wie dem jüngsten Strategie-Gipfel in Mainz Ende November. Oder aber er wird von der Rednerliste gestrichen, wie beim kommenden Dreikönigstreffen der Liberalen. Dann reden alle über den nicht Erschienenen. Dafür sorgt das liberale Stehaufmännchen höchst selbst. Etwa wenn er Generalsekretär Guido Westerwelle als künftigen FDP-Vorsitzenden ins Gespräch bringt und damit seiner Partei eine Personaldebatte aufdrängt.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Welche Planspiele wer im Schilde führt, was Westerwelle wirklich will, welche Truppen der Noch-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt gegen das strategische Duo Möllemann und Westerwelle aufbieten kann, was die Vize-Parteichefs Walter Döring und Rainer Brüderle im Sinn haben - all das gehört ins Reich der Spekulationen. Nur eines ist gewiss: Möllemann denkt nicht nur an die Zukunft seiner Partei, sondern an seine eigene.

          Möllemanns Hintergrundgespräche

          Was ist geschehen? Es begann wie üblich. Möllemann versammelte im November einmal mehr eine Schar von Journalisten zu einem Hintergrundgespräch und rüstete sie mit Material für ihre Sonntagsgazetten aus. Die Schlagzeilen wiederholen sich inzwischen seit anderthalb Jahren in loser Folge: Möllemann will 2002 Kanzlerkandidat werden, Möllemann fordert Ablösung Gerhardts, Westerwelle soll Partei-Chef werden. Das Übliche.

          Unter den Vorsitzenden Kinkel und Gerhardt, so wiederholt Möllemann gebetsmühlenartig, sei die FDP zu einem Anhängsel der Union degradiert, ohne Profil und ohne eigene Programmatik. Dass sie aus den Landtagen der Republik verschwinde, sei da nur folgerichtig. Er habe an Rhein und Ruhr bewiesen, wie man es richtig mache: keine Festlegung auf einen Koalitionspartner, schrille Wahlkampfsprüche und Themen, die auf das jüngere Wahlvolk abzielen. Das alles war bekannt. Und schon im Frühjahr 1998 hat es eine Verabredung zur Arbeitsteilung zwischen Möllemann und Westerwelle gegeben. Ersterer solle sich um Nordrhein-Westfalen kümmern, den größten Landesverband der FDP, und Westerwelle um die Bundespartei.

          Westerwelles Ambitionen

          Im Thomas-Dehler-Haus in Berlin wäre es nicht der Erwiderung wert gewesen, wenn im März nicht zwei für die Liberalen wichtige Landtagstagswahlen anstünden, in Baden-Württemberg, ihrem Stammland, und in Rheinland-Pfalz. In beiden Ländern regiert die FDP - und das möchte sie auch weiterhin. Da kommt ihnen das Gepoltere aus Düsseldorf etwas ungelegen. Zumal es dieses Mal in etwas konkreterer und damit bedrohlicherer Form daherkommt: Westerwelle werde beim FDP-Parteitag im Mai gegen Gerhardt antreten. Er habe sogar in der Person der Unternehmensberaterin Silvana Koch-Mehrin schon eine Nachfolgekandidatin für den Posten des Generalsekretärs.

          Ihr Dementi klingt ähnlich unsicher wie Westerwelles Bekundung beim Strategietreffen in Mainz, er habe zu keiner Zeit gesagt, er wolle den FDP-Vorsitz übernehmen. Das könne im derzeitigen Wahlkampf nur schaden. Für die Zukunft lässt er mit damit freilich alles offen. Ein demonstratives Rückenstärken Gerhardts, wie man es erwartet hätte, wenn er wirklich nichts im Schilde führte, blieb nämlich aus. Den Namen des Vorsitzenden erwähnte Westerwelle nicht ein einziges Mal.

          Gerhardts Kampfeswille

          Gerhardt selbst gab sich in Mainz eher kleinlaut, als er darum bat, vor den Wahlen keine Personaldebatte zu führen. Danach sei er bereit, „über alles zu reden“. Das konnte als Ankündigung verstanden werden, im Mai auf den Parteivorsitz zu verzichten und sich mit dem Posten des Fraktionschefs zu bescheiden. Doch Gerhardt stellte kurz darauf in der F.A.Z. klar, dass er im Mai wieder kandidieren wolle.

          Läuft es also auf eine Kampfkandidatur hinaus? Aus der Umgebung des Generalsekretärs dringen schon keine Dementis mehr. Man wisse es nicht, heißt es. Der Generalsekretär mache Weihnachtsurlaub in Florida. Dort, wo sich jüngst eine andere Wahl entschied, muss sich Westerwelle seine nächsten Schritte überlegen. Nichts tun, geht nicht mehr. Sowohl der Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff als auch Döring forderten ihn jetzt auf, noch vor dem Dreikönigstreffen in Stuttgart zur Kandidatur Stellung zu beziehen. Trete er an, solle er den Posten des Generalsekretärs, der Loyalität zum Vorsitzenden erfordere, bis zum Mai ruhen lassen.

          So steht in diesen hektischen Tagen im Dehler-Haus mit Westerwelle ein anderer Abwesender im Vordergrund. Bleibt freilich die Frage, was Möllemann wirklich im Schilde führt. Will er unter einem Vorsitzenden Westerwelle bei der Bundestagswahl 2002 als Kanzlerkandidat wirklich nur sein „Projekt 18“ verwirklichen und in der Regierung Schröder einen wichtigen Kabinettsposten bekleiden? Oder bringt er Westerwelle unaufgefordert ins Gespräch, um ihn frühzeitig zu verschleißen? Dann wäre der Weg zum Vorsitz frei.

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