https://www.faz.net/-gpf-6q4l5

Analyse : Edelmut ist nicht vorgesehen

  • Aktualisiert am

Jetzt sind in Amerika die Kettenhunde los. Die beiden Präsidentschaftskandidaten versuchen, die andere Seite zu beschädigen. Von Edelmut keine Spur.

          Richard Nixon steht für Machtgier und Korruption, doch der Watergate-Präsident hatte das Zeug zum Helden: Nach seiner knappen Niederlage gegen John F. Kennedy verzichtete er 1960 trotz massiver Hinweise auf Wahlbetrug darauf, das Ergebnis der Präsidentschaftswahl anzufechten. Vierzig Jahre später folgen weder George W. Bush noch Al Gore seinem Beispiel. Die beiden US-Präsidentschaftskandidaten wollen lieber schlechte Sieger als gute Verlierer sein und führen deshalb einen bitteren
          Nervenkrieg ums Weiße Haus.

          Für Stephen Carter von der Yale University ist das Gezerre um das mächtigste Amt der Welt herzzerreißend. „Beide Kandidaten beabsichtigen ganz offensichtlich, die Sache an die Grenzen des Erträglichen zu treiben“, meint der Jurist. Dabei hätten Gore und Bush eine einmalige Chance, wahre Führungsstärke und Opferbereitschaft zu zeigen. Einer von ihnen müsse über sich hinauswachsen und verzichten: „Demokratie hat doch nicht nur mit Gewinnen zu tun.“

          Kettenhunde losgelassen

          Doch Edelmut ist im Programm der beiden Anwärter auf die Nachfolge von US-Präsident Bill Clinton nicht vorgesehen. Am Donnerstag ließen sie ihre Kettenhunde los, um die andere Seite zu beschädigen. Gores Strategie besteht darin, die Gerichte einzuschalten und die Legitimität einer möglichen Bush-Regierung jetzt schon zu untergraben. Bush wiederum zeigt sich siegessicher und betreibt bereits die Regierungsbildung. Zugleich droht er mit der Anfechtung der Wahlen in Bundesstaaten wie New Mexico und
          Wisconsin, falls Gore das für nächste Woche erwartete Endergebnis aus Florida nicht akzeptiert.

          „Kandidaten riskieren politische Krise“

          Das Schlachtgebrüll, das aus den beiden politischen Lagern schallt, ist eher eines Wahlkampfes als der Vorbereitung auf die Präsidentschaft würdig. Erst ließ Bush Zitate aus dem Telefongespräch veröffentlichen, bei dem Gore in der Wahlnacht sein Niederlage-Geständnis zurückgezogen hatte. Dann beanspruchte der Vizepräsident unter Berufung auf seinen Vorsprung bei den landesweiten Stimmen den Sieg durch den Mund seines Wahlkampfmanagers William Daley für sich. Bushs Chefstratege Karl Rove konterte mit der Unterstellung, Daleys Vater habe einst für Kennedy den Wahlbetrug im heimischen Illinois organisiert.

          Beide Kandidaten riskierten eine ernste politische Krise, rügte der Politologe Leonard Steinhorn von der American University. Eine Serie von Prozessen werde das Land über Wochen im Ungewissen halten. „Dies darf auf keinen Fall durch die Gerichte gezerrt werden“, mahnte Howard Baker, der ehemalige Stabschef des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Wer von seinem Anspruch zurücktrete, werde im Rückblick womöglich besser dastehen als der Präsident.

          Clinton beschwichtigt

          Angesichts der weithin herrschenden Unsicherheit schauen die US-Bürger auf Clinton. Der amtierende Präsident beschwichtigte am Mittwoch auf gewohnt meisterhafte Weise die Öffentlichkeit. Das knappe Rennen habe bewiesen, dass die Demokratie funktioniere, „denn jede Stimme zählt“. Das Volk habe gesprochen, nur werde es ein bisschen dauern, bis sein Wille auch verstanden wird. Clinton hat zehn Wochen vor seinem Ausscheiden aus dem Amt leicht reden. Er selbst machte während des Lewinsky-Skandals jedenfalls keine Anstalten, zurückzutreten, um den Amerikanern ein Amtsenthebungsverfahren zu ersparen.

          Im übrigen kam auch Nixons Heldentat vor vierzig Jahren nach Einschätzung von Historikern unfreiwillig zustande. Schließlich beruhte der Wahlbetrug von 1960 auf Gegenseitigkeit. Den Ausschlag gab der damalige Präsident Dwight Eisenhower: Er las seinem geschlagenen Vizepräsidenten die Leviten und bestand auf einer Niederlage im Interesse der Nation.

          Weitere Themen

          Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

          Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

          Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.