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Vermessung des Königreichs : Wer Brexit wollte, wählte Boris

Freundlicher Empfang: Boris Johnson am Freitag kurz nach seiner Ankunft in 10 Downing Street. Bild: dpa

Mit seinem Versprechen eines zügigen EU-Austritts brachte Premierminister Johnson die „rote Mauer“ von Labour zum Einsturz. Was verraten die weiteren Daten vom Wahltag?

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          Boris Johnson hat die Konservative Partei zu einem grandiosen Sieg geführt. Als am Freitagnachmittag alle bis auf einen Wahlkreise ausgezählt waren, verbuchte die Partei 365 Sitze im Parlament, ein Zuwachs von 67 Sitzen. Sie hatte 43,6 Prozent der Stimmen erhalten. Labour verlor dagegen 42 Mandate. Ein Ergebnis von 32,2 Prozent im ganzen Land bescherte der Partei nur Siege in 203 Wahlkreisen. Die Schottische Nationalpartei wuchs auf 48 Sitze (plus 13), die Liberaldemokraten auf elf (minus 10); und verschiedene andere Parteien dürfen 23 Sitze auf den grünen Bänken im Unterhaus einnehmen. Die Wahlbeteiligung ist gegenüber der vorigen Parlamentswahl von 2017 leicht gefallen. 67,3 Prozent der Wähler gaben bei winterlichem Wetter ihre Stimme ab; vor zwei Jahren waren es 68,8 Prozent gewesen.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Die Umfragen vor der Wahl haben die Stimmenanteile relativ präzise vorhergesagt. Im Mittelwert lagen die Konservativen kurz vor der Wahl bei 42 Prozent, Labour bei 33 Prozent, und die Liberaldemokraten bei zwölf Prozent. Damit sind gleichsam wieder „normale“ Verhältnisse hergestellt. Die beiden großen Parteien greifen den größten Teil der Stimmen ab; die kleineren werden marginalisiert. Im Juni und Juli – kurz nach der Europawahl – hatte es noch so ausgesehen, als könnte das Parteiensystem revolutioniert werden. Die Brexit-Partei, Sieger der Europawahl, lag in manchen Umfragen auf dem ersten Platz und die Konservativen nur auf dem vierten. Nach der Wahl von Boris Johnson zum Parteivorsitzenden der Konservativen Ende Juli aber änderte sich das Bild. Entsprechend turbulent sieht die Verlaufsgrafik der Umfragen aus.

          Die Konservativen haben die Wahl vor allem in England mit ihrem Versprechen gewonnen, den Austritt aus der Europäischen Union endlich durchzuziehen. „Get Brexit Done“ war der Wahlkampfschlager, der landauf, landab von den Tories wiederholt wurde. Besonders in Nord- und Zentralengland sind sie damit durchgedrungen. Fast 40 Sitze konnten die Konservativen Labour in diesen Regionen abnehmen. Dabei handelt es sich um die sogenannte rote Mauer von traditionellen Labour-Wahlkreisen. Diese Mauer steht nicht mehr.

          Aufschlussreich ist der Vergleich zweier Landkarten: jener, auf der die Ergebnisse des Brexit-Referendums von 2016 eingezeichnet sind, mit der von den jeweils gewonnenen Wahlkreisen bei der Unterhauswahl am Donnerstag. Wo es viele Befürworter des EU-Austritts gab, schnitten meist die Konservativen gut ab. 2017 hatte Labour diese Wahlkreise noch halten können.

          Dieses Muster ist nicht nur in England zu beobachten, sondern auch in Wales. Sechs Wahlkreise konnten Tory-Kandidaten Labour-Amtsinhabern abnehmen – alle sechs hatten vor dreieinhalb Jahren für den Brexit gestimmt. Diesen Verlusten in England und Schottland für Labour steht ein einziger Wahlkreis gegenüber, den die Partei zusätzlich gewinnen konnte: Putney in London.

          In Schottland bietet sich derweil ein anderes Bild. Dort mussten Konservative, Labour und Liberaldemokraten Verluste hinnehmen, während die schottischen Nationalisten der SNP erheblich hinzugewinnen konnte. Labour musste sechs Sitze an die schottischen Nationalisten abgeben, die Konservativen sieben und die Liberaldemokraten einen – ausgerechnet den der Parteivorsitzenden Jo Swinson.

          Der nationalistische Trend mit konservativen Gewinnen in England und SNP-Gewinnen in Schottland setzt sich auch in Nordirland fort. Die irischen Nationalisten von den Parteien SDLP und Sinn Féin konnten der unionistischen DUP je einen Sitz abnehmen. In Belfast gelang es Sinn Féin, einst bekannt als „politischer Arm der IRA“, sogar, den DUP-Fraktionsvorsitzenden Nigel Dodds aus dem Unterhaus zu verdrängen.

          In den Wahlergebnissen zeigt sich auch ein Stadt-Land-Gefälle. Labour konnte in Großstädten punkten, während die Konservativen in mittleren und kleinen Städten sowie auf dem Land erfolgreich waren. So konnte Labour in London die Mehrheit der Sitze halten sowie Birmingham, Manchester und Sheffield verteidigen. Doch gerade rund um Sheffield, also in alten Kohlerevieren, zeigt sich der Zusammenhang zwischen Brexit-Zustimmung und einem Votum für Boris Johnsons Konservativen. Mehr als zehn Sitze hat Labour dort verloren. Ein ähnliches Bild bietet sich weiter nördlich. Middlesborough hat Labour halten können, doch im größeren Gebiet um die Stadt konnten die Konservativen Gewinne einfahren.

          Nach den Daten, die für den Sender Sky News erhoben wurden, gibt es aber nicht nur einen Unterschied zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen höher und weniger ausgebildeten Menschen. So nehme der Stimmenanteil von Labour zu in Gegenden, in denen mehr Akademiker leben.

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