https://www.faz.net/-gpf-2eej

Analyse : Clinton reist in die Vergangenheit

Bill Clinton besucht als erster amerikanischer Präsident das kommunistische Vietnam: Eine Reise in ein düsteres Kapitel amerikanischer Außenpolitik. Die USA üben sich in einer deutschen Tugend namens Vergangenheitsbewältigung.

          Wer in Washington über den Mall genannten Park zwischen Kongress und Weißem Haus spaziert, der sieht, wie Amerikaner zu ihrer Geschichte stehen. Stolz bekennt sich die „Nation unter Gott“ mit Skulpturen und Denkmälern zu ihren Staatsmännern - und auch zu deren Kriegen. Nur ein Kriegsdenkmal fällt aus der Reihe. Es zeigt keine Heldenszenen, sondern die Namen von 58.000 gefallenen Soldaten in schwarzen Stein gemeißelt. Während Großväter ihren Enkeln beim „Korean War Memorial“ vielleicht erklären, was es seinerzeit mit dem 38. Breitengrad auf sich hatte, spricht beim „Vietnam Veterans Memorial“ niemand. Hier stehen noch immer Mütter, die um ihre Söhne, und Frauen, die um ihre Ehemänner weinen. Der Vietnam-Krieg, eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte, bleibt Gegenwart.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Präsident Bill Clinton, der sich in diesen Tagen aufmacht, als erster amerikanischer Präsident das kommunistische Vietnam zu besuchen, hat sich dieser Vergangenheit von Beginn seiner Amtszeit an gestellt. Und in diesen aufgeheizten und parteipolitisch polarisierten Zeiten in Washington spricht es für die politische Kultur der Vereinigten Staaten, dass sich weder die Veteranen-Verbände noch republikanische Hardliner daran stoßen, dass ausgerechnet ein Oberkommandierender, der seinerzeit in Oxford gegen den Krieg in Indochina demonstriert hat, nunmehr den Kommunisten in Hanoi die Hand reicht.

          Neue amerikanische Offenheit

          Amerika befindet sich seit dem Ende des Kalten Krieges in einer Phase der Vergangenheitsbewältigung. Nachdem sich die Siegesstimmung nach dem Niedergang des Kommunismus gelegt hatte, begann eine selbstkritische Nabelschau. Im Namen der Freiheit hatten sich die USA so manches Mal Partner gesucht, die von Freiheit wenig hielten. Dass zeitgleich mit der Reise Clintons das amerikanische National-Archiv Dokumente veröffentlicht, die bestätigen, dass die CIA 1973 am Sturz des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Allende beteiligt war, symbolisiert die neue amerikanische Offenheit. Chile und Vietnam - für die europäische Linke waren diese Tatorte amerikanischer Großmachtpolitik Rechtfertigung dafür, ihren Antiamerikanismus offen zur Schau stellen zu können.

          Augenmerk auf Asien

          Schon unter Präsident George Bush reisten der demokratische Senator John F. Kerry und sein republikanischer Kollege John McCain, der selbst mehrere Jahre in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft verbrachte, in das Land, das Amerika seine einzige militärische Niederlage beibrachte. Aber erst Clinton, der 1992 mit der außenpolitischen Agenda antrat, das Augenmerk Washingtons vermehrt auf den asiatischen Kontinent zu richten, ging wirklich auf Hanoi zu: 1994 hob er das Wirtschaftsembargo gegen Vietnam auf, im Jahr darauf wurden die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen, in diesem Sommer folgte ein umfassendes Handelsabkommen.

          Wandel durch Handel

          Natürlich geht es Amerika auch ums Geld. Vietnam, das sich in Sachen Informationstechnologie noch in der Steinzeit befindet, bietet für die digitale Industrie der USA einen lukrativen Markt. Dass die Gates und Jobs hier schneller vertreten sein wollen als europäische und japanische Mitbewerber, ist legitim. Außerdem machen diejenigen, die jetzt aufschreien, Amerika gehe es statt um Wandel durch Annäherung tatsächlich um Handel statt Wandel, auf einen vermeintlichen Widerspruch aufmerksam. Nur wirtschaftlicher Aufschwung kann eine breite vietnamesische Mittelschicht entstehen lassen, die am Ende auch politische Beteiligungsrechte einfordert wird. Der Kalte Krieg ist vorbei. Amerika tut gut daran, letzte Nischen seiner Außenpolitik von altem Ballast zu befreien.

          Weitere Themen

          Mitten im Herzland

          FAZ Plus Artikel: Wahlkampf in Amerika : Mitten im Herzland

          Wer Donald Trump ablösen will, muss sich in Iowa beweisen. Auf dem riesigen Jahrmarkt in Des Moines geben sich im Jahr vor der Präsidentenwahl die Herausforderer des Präsidenten so volksnah wie nur möglich. Ob das reicht?

          Tausende Lehrer protestieren in Hongkong Video-Seite öffnen

          Protestwochenende angekündigt : Tausende Lehrer protestieren in Hongkong

          In Hongkong haben sich die regierungskritischen Proteste fortgesetzt. Trotz Regens gingen tausende Lehrer auf die Straße. Sie versammelten sich im zentralen Geschäftsbezirk und marschierten zum Sitz der umstrittenen Regierungschefin Carrie Lam.

          Topmeldungen

          Auch drei Düsen könnten genügen: Airbus A380 der Fluglinie Emirates.

          Airbus : Wann darf ein A380 mit drei Turbinen fliegen?

          Ein Airbus A380 braucht zum Fliegen nicht unbedingt vier Triebwerke. Er kommt auch mit einem weniger ans Ziel. Unter bestimmten Voraussetzungen und Vorschriften.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.