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Analyse : Bill Clinton - ein Präsident jenseits der Ideologien

Momente der Rührung: Bill Clinton Bild: dpa

Am Samstag endet die Präsidentschaft Bill Clintons. Was macht acht Jahre zu einer Ära? Nicht das Programm, sondern die Person. Clinton war der erste postideologische Präsident.

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          Wer wissen will, was in einem Menschen vorgeht, der sollte ihn nicht beobachten, wenn er im Scheinwerferlicht steht. Bill Clinton stand in den vergangenen acht Jahren so oft im Rampenlicht, dass sich die Grenzen zwischen ihm und seinem inszenierten Ich auflösten. Nur manchmal sah man den kleinen Jungen aus dem Südstaaten-Nest Hope in dem Mann, der der mächtigste der Welt war.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Im November 1996 gab es einen solchen Moment. Clinton war gerade in seinem Amt bestätigt worden, hatte einen großen Sieg gegen seinen Widersacher Bob Dole errungen und war dabei, eine neue Regierungsmannschaft aufzustellen. Leon Panetta, sein damaliger Stabschef im Weißen Haus, hatte sich entschieden aufzuhören. Clinton veranstaltete ihm zu Ehren ein kleines Medienereignis im Weißen Haus. Als Panetta ans Mikrophon trat, begab sich Clinton in die zweite Reihe. Der scheidende Stabschef ergriff das Wort und erzählte von seiner italienischen Familie, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Amerika gekommen war; die ihrem Sohn mit auf den Weg gab, er solle sich stets anstrengen; und die vor Stolz fast platzte, als er zum engen Vertrauten des amerikanischen Präsidenten wurde. Panettas Gesicht war rot, seine Stimme belegt.

          Momente der Rührung

          Als der kleine Mann von seinem amerikanischen Traum berichtete, fühlte sich Clinton wohl unbeobachtet. Gedankenverloren blickte er auf seine Füße und wippte ein wenig hin und her - mit sich und seinem Leben im Reinen. Tränen gehören in Amerika zum politischen Geschäft. Doch Clinton verzichtete auf Schauspielerei. Die geplante Inszenierung erhielt eine authentische Wendung: Die Geschichte, die Panetta erzählte, war auch die seine. Und so fühlte er in jenem Moment wohl eine Mischung aus Dankbarkeit und Stolz. Das Ereignis, das andere rühren sollte, rührte ihn am Ende selbst.

          Bill Clinton war wie geschaffen für die Mediendemokratie. Keiner verstand das Handwerk der Selbstinszenierung so gut wie er. Amerika und die Welt wurden gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter, seinem Hund und seiner Katze älter. Die amerikanische Nation begleitete Chelsea am ersten Schultag in der High School ebenso wie bei der Immatrikulation im College. Die Pennsylvania Avenue war die Lindenstraße Amerikas und Bill Clinton Hauptdarsteller und Regisseur in Personalunion. Er beherrschte alle gesellschaftlichen Rollen: den Rasen mähenden Familienvater, den reumütigen Ehebrecher, den ehrlichen Makler auf internationalem Parkett und auch den innenpolitischen Reformer.

          Kein Programm und keine Weltanschauung

          Von Bill Clinton bleibt kein Programm und keine Weltanschauung, von ihm bleiben nur Bilder: Clinton am Sarg Rabins, Clinton in den Armen Monicas, Clinton vor dem Aachener Dom. Seine Politik hatte kein Leitmotiv. Der dritte Weg, mit dem er gerne identifiziert wird, hieß für ihn nichts weiter als eine pragmatische, unideologische Politik. Das theoretische Konzept dazu wurde erst im Nachhinein verfasst.

          Clinton war der erste postideologische Präsident nach dem Ende des Zeitalters der Ideologien. Sein Ansatz und sein Politikstil wurden in aller Welt kopiert, am prominentesten wohl durch Tony Blair und Gerhard Schröder. Nicht, weil er so überzeugend, sondern weil er so erfolgreich war. Rückblickend wirkt es, als habe Clinton es als Erster geschafft, die politische Mitte, die in den goldenen 80er Jahren durch die Republikaner besetzt worden war, zurückzuerobern: Er befreite seine demokratische Partei von sozialkonservativem Ballast und lockte die wirtschaftlich erfolgreichen aber gesellschaftlich liberalen Menschen zu sich.

          Die Wirklichkeit war komplizierter: Die ersten zwei Jahre, in denen er eine vermeintlich bequeme demokratische Mehrheit in beiden Kongresskammern hinter sich wusste, waren von Konfrontation geprägt: Seine gesellschaftlichen Reformen (Homosexuelle in der Armee) scheiterten ebenso wie die Einführung einer gesetzlichen Krankenkasse. Erst als die Republikaner 1994 im Zuge der „konservativen Revolution“ den Kongress eroberten, begann das Reformwerk. Steuersenkung, Schuldenabbau und Deregulierung waren nicht die Umsetzung der Clinton-Agenda, sondern das Ergebnis des fruchtbaren institutionellen Streits zwischen Weißem Haus und Kongress.

          Wirtschaftspolitische Rekordbilanz

          Die wirtschaftspolitische Bilanz kann sich sehen lassen: Unter Clinton gab es die längste Phase wirtschaftlichen Wachstums in der amerikanischen Geschichte, de facto Vollbeschäftigung, 20 Millionen neue Arbeitsplätze, Reallohnsteigerungen und Rekordergebnisse an der Börse. Dass sich in der Statistik auch viele weniger qualifizierte Jobs finden, von denen mancher Amerikaner zwei hat, stört nur nörgelnde Europäer. In Amerika ist Bill Clinton beliebter denn je. Dass er nun von einem Republikaner abgelöst wird, liegt nicht an ihm, sondern daran, dass sein Vizepräsident Al Gore im Wahlkampf falsch beraten war, als er sich von Clinton distanzierte.

          Gore fürchtete freilich die Wiederholung der Schlammschlacht der Jahre 1998 und 1999, als die Lewinsky-Affäre Clinton fast in den Abgrund gestürzt hatte. Das Amtsenthebungsverfahren war der Tiefpunkt seiner Präsidentschaft. Dass es soweit kommen konnte, hatte zumindest zwei Gründe: Der laxe Umgang Clintons mit der Wahrheit, mit dem er nicht nur sich selbst, sondern auch dem Amt des Präsidenten schadete, und der regelrechte Hass gewisser republikanischer Kreise, die ihm nicht verzeihen konnten, dass dem Mann, der sie aus ihrem Erbhof vertrieben hatte, mit keinem seiner Skandale beizukommen war.

          Im Ausland ernteten die Inquisitoren im Kongress nur Kopfschütteln - Bill Clinton war unumstritten: bei Arabern und Israelis, bei Katholiken und Protestanten in Nordirland und im Kreis der Nato-Partner. Sein Politikstil, sich auf Menschen einzulassen, eine persönliche Ebene zu finden, zahlte sich auf diplomatischem Parkett aus und ermöglichte es ihm, zu so unterschiedlichen Charakteren wie Helmut Kohl, Tony Blair und Jassir Arafat ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen.

          Außenpolitik ohne roten Faden

          So wenig er eine fixe innenpolitische Agenda besaß, so wenig folgte seine Außenpolitik einem roten Faden. Wohl war Clinton ein sehr internationaler Präsident und gewiss spielten die Menschenrechte in seinen Erwägungen eine Rolle. Aber die Politik der humanitären Intervention war nicht konsequent: In Bosnien zögerte er lange, in China machte er Abstriche, von Russland ganz zu schweigen. Realpolitik und vitale Interessen waren auch unter seiner Führung keine Fremdworte. Seine Leidenschaft galt dem Friedensprozess in Nordirland und noch mehr dem im Nahen Osten. Dass der eine vor sich hin dümpelt und der andere nahezu tot ist, muss ihn besonders bitter stimmen.

          Bill Clinton ist mit 54 Jahren zu jung für ein Leben als Polit-Pensionär. Er wird sicher das tun, was viele Alt-Präsidenten vor ihm taten: Memoiren schreiben und Reden halten, um so das Geld zu verdienen, das ihm im Amt versagt blieb. Doch das wird seinen Ehrgeiz nicht lange stillen. Im Nahen Osten und in Nordirland haben die ehemaligen (und gegenwärtigen) Konfliktparteien schon Nobelpreise für Leistungen erhalten, die sich nun als unvollendete Werke erweisen. Ein Sondervermittler wird hier wie da gesucht. Und Clinton wird auch weiterhin Momente der Rührung suchen. In Oslo oder anderswo.

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