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Mangel an Schulen : Lehrer verzweifelt gesucht

  • -Aktualisiert am

Erstklässler der „Schildkrötenklasse“ werden von ihrer Lehrerin feierlich zur Einschulung geführt. Bild: dpa

Der Lehrermangel ist enorm: in Berlin ist von den neuen Grundschullehrern nur knapp ein Drittel Profi – Seiteneinsteiger helfen aus, aber das reicht nicht. Der Lehrerverband fürchtet Schäden für eine ganze Generation.

          Zu Beginn des neuen Schuljahrs fehlen in vielen Grundschulen kompetente Lehrer. Das könnte schlimme Folgen haben. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, fürchtet, „dass in manchen Bundesländern eine ganze Schülergeneration Schaden nimmt“, wie er dieser Zeitung sagte. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe, spricht von einer „dramatischen Lage“ an vielen Grundschulen. An „allen Ecken und Enden“ fehlten Lehrer. „Man kann dabei schon von einem Bildungsnotstand sprechen“, sagte sie der F.A.S. Und das Problem werde sich noch verschärfen. Gut ausgebildete Lehrer würden an gute Schulen abwandern, während Schulen in Brennpunktvierteln unerfahrenere Lehrer bekämen.

          Viele Schulen konnten bis zum Ende der Sommerferien nicht alle Stellen besetzen. Allein in Sachsen, wo der Unterricht vor einigen Tagen wieder begonnen hat, blieb jede siebte ausgeschriebene Grundschullehrerstelle offen. In Sachsen-Anhalt sogar jede dritte. In Berlin konnten zwar fast alle Stellen besetzt werden, allerdings überwiegend nicht mit Fachkräften. Von 1240 neuen Grundschullehrern sind nur ein knappes Drittel Profis. Dazu kommen Seiteneinsteiger, also Menschen, die fachlich geeignet sind, aber pädagogisch unerfahren. Die größte Gruppe aber stellen sogenannte Lehrer ohne volle Lehrbefähigung; sie haben zwar schon unterrichtet, zum Beispiel Deutsch in Willkommensklassen für Flüchtlinge. Sie haben jedoch oft etwas ganz anderes studiert, etwa Philosophie, und wissen wenig darüber, wie man Sechsjährigen das Alphabet beibringt. Die meisten westdeutschen Bundesländer schaffen es, offene Stellen zu besetzen, allerdings oft nur mit Mühe und Not und mit Quereinsteigern.

          Der Präsident des Lehrerverbandes kritisiert, dass „mit Gewalt“ versucht werde, die Lücken zu füllen. Das diene aber mehr der Statistik als den Kindern. Gewerkschaftschefin Tepe gibt zu bedenken, dass nicht alle Lehrer dabeiblieben, die jetzt anfingen. Eine Reihe von Quereinsteigern halte den Beruf nicht lange durch. Tepe hat selbst lange Zeit Grundschüler unterrichtet und plädiert dafür, den Beruf nicht zu unterschätzen.

          Seiteneinsteiger brauchen Hilfe von Profis

          Das geht beim Fachwissen schon los. „Sportunterricht durch nicht ausgebildete Kräfte kann lebensgefährlich sein“, sagt Tepe. Auch Mathe müsse man durchdrungen haben, um es didaktisch aufbereiten und unterrichten zu können. Und dann reicht es ja nicht, etwas zu wissen und erklären zu können. Ein Grundschullehrer muss es gleichzeitig Dutzenden Kindern erklären, die alle unterschiedliches Vorwissen haben. „In fast jeder 1. Klasse gibt es ein Kind, das bei der Einschulung schon fließend aus ,Wir Kinder aus Bullerbü‘ vorlesen kann, und ein anderes, das es erst am Ende der 2.Klasse schaffen wird, ,To-ma-te‘ zusammenzuziehen zu ,Tomate‘. Das muss man als Lehrer unter einen Hut bekommen.“ Der Unterricht werde immer schwieriger und anspruchsvoller – größere Klassen, viele Kinder mit Sprachschwierigkeiten. Die Schulen seien wegen des Lehrermangels aber immer weniger darauf vorbereitet. Der Bildungsmonitor 2018, der diese Woche veröffentlicht wurde, zeigt, dass Viertklässler aktuell schlechter in Mathe und Deutsch abschneiden als in den Vorjahren.

          Die Seiteneinsteiger sind darauf angewiesen, dass gut ausgebildete Lehrer ihnen helfen. Die sind allerdings teilweise überfordert von der Zahl der Unerfahrenen. Tepe berichtet von einer Grundschule auf dem Land, wo die Schulleiterin die Einzige ist, die regulär zur Lehrerin ausgebildet ist. Meidinger vom Lehrerverband kritisiert, dass in Berlin sogar Lehramtsstudenten Kinder unterrichten, „als wäre das ein Nebenjob wie Kellnern“. In den Schulen, aber auch in Lehrerforen im Internet tauschen sich Grundschullehrer darüber aus, wie sie mit überforderten Einsteigern umgehen sollen. Eine Lehrerin, die eine 1. Klasse hat, berichtet von einer Kollegin ohne Lehrerausbildung, die einige der Erstklässler in „Deutsch als Zweitsprache“ unterrichte. Denen habe die Kollegin das Alphabet ganz anders beigebracht, als es üblich sei, „was uns Erstklasslehrern das Leben natürlich schwermacht“. Eine antwortet: „Da fehlen mir auch die Worte. Mich wundert aber inzwischen nichts mehr...“

          Tepe und Meidinger sehen kurzfristig keine Möglichkeit, das Problem zu lösen. Beide fordern, das Grundschullehramt attraktiver zu machen: finanziell und mit Blick auf die Arbeitsbedingungen. Tepe fordert die Kultusministerkonferenz auf, den Lehrerbedarf besser zu planen und zu koordinieren. Die Länder sollten zudem auf die Universitäten einwirken, damit diese mehr Studienplätze zur Verfügung stellten.

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