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Venezuelas Geschäftspartner : Öl gegen Loyalität

  • -Aktualisiert am

Alte Verbundenheit: Als Hugo Chávez’ Nachfolger hat Maduro noch einige gute Freunde in Lateinamerika. Bild: AFP

Washington kritisiert Maduro – scheut aber davor zurück, das Ölgeschäft mit seinem Regime zu beenden. Andere amerikanische Länder sind uneins, was Venezuela angeht.

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          In Venezuela ist zwischen dem sozialistischen Regime unter Präsident Nicolás Maduro und dem Oppositionsbündnis „Tisch der Demokratischen Einheit“ (MUD) schon lange kein Dialog mehr möglich. Maduro hat mit der Wahlfarce vom Sonntag sowie mit den Festnahmen zweier prominenter Oppositionspolitiker in der Nacht zum Dienstag klar gemacht, dass er die Durchsetzung diktatorischer Strukturen nach kubanischem Muster mit Macht und Tempo vorantreiben will. Dem MUD bleibt vorerst nur der wahrscheinlich aussichtslose Versuch, das von ihm mit Zweidrittelmehrheit kontrollierte Abgeordnetenhaus gegen die institutionelle und auch „physische“ Okkupation durch Maduros gleichgeschaltete verfassunggebende Versammlung zu verteidigen: Die soll nämlich im Gebäude der Nationalversammlung tagen, und das vorerst unbefristet. Bis zuletzt herrschte Unklarheit, wann die konstituierende Sitzung der verfassunggebenden Versammlung stattfinden sollte. Ursprünglich hatte es geheißen, dies werde an diesem Donnerstag geschehen. Aber in Caracas rechnete man schon am Mittwoch jeden Augenblick mit der Besetzung des Parlaments durch einen Überraschungscoup der Regimekräfte. Die Opposition hatte die Bevölkerung zur Verteidigung des neoklassizistischen Gebäudes aufgerufen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Wenn sich die politischen Lager in Venezuela in unversöhnlicher Feindschaft gegenüberstehen, können dann die maßgeblichen Mächte in der Region etwas unternehmen, um eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern und womöglich eine Rückkehr zu demokratischen Verhältnissen zu erreichen? Eine Schlüsselrolle kommt Washington zu. Nicht nur, weil die Vereinigten Staaten das stärkste Land der westlichen Hemisphäre und seit je die regionale Ordnungsmacht sind. Sondern vor allem, weil Washington mit einer Menge von rund 750.000 Barrel täglich der größte Einzelabnehmer venezolanischer Ölausfuhren ist. Das entspricht zwar nur etwa zehn Prozent der gesamten Ölimporte der Vereinigten Staaten. Aber ein plötzlicher Wegfall des schweren und hoch schwefelhaltigen Öls aus Venezuela, auf dessen Verarbeitung viele amerikanische Raffinerien am Golf von Mexiko spezialisiert sind, würde zu einem spürbaren Anstieg des Benzinpreises in den Vereinigten Staaten führen.

          Insgesamt produziert die Ölmacht Venezuela, die über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven verfügen will, derzeit nur noch rund 1,97 Millionen Barrel Öl pro Tag. Das ist der niedrigste Stand seit 14 Jahren. Der hochverschuldeten staatlichen Ölgesellschaft PDVSA fehlt es an Geld für überfällige Investitionen, allein im Oktober und November sind Schuldenzahlungen in Höhe von 3,2 Milliarden Dollar fällig. Mit dem Ölexport generiert Venezuela rund 95 Prozent seiner Devisengewinne und etwa die Hälfte seiner Staatseinnahmen. Die meisten Petro-Einnahmen kommen aus den Vereinigten Staaten nach Caracas, monatlich derzeit rund 900 Millionen Dollar. Denn mit dem restlichen Öl, das Venezuela etwa zu den Verbündeten China und Russland exportiert, muss die Regierung in Caracas ausstehende Schulden begleichen. Schließlich verschifft sie Öl zu deutlich verringerten Preisen nach Kuba – ihre kommunistische Schutzmacht – oder in kleine Staaten in der Karibik, deren politische Loyalität sich Venezuela damit erkauft.

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