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Allensbach-Umfrage : Der deutsche Pass ist nicht genug

  • -Aktualisiert am

Durchsetzung einer neuen Leitkultur

Konsequenterweise fordern auch rund drei Viertel der Deutschen die Durchsetzung einer deutschen Leitkultur: 76 Prozent stimmen der Aussage zu: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollten sich an der deutschen Kultur orientieren. Natürlich können sie ihre eigenen Bräuche, Sprache oder Religion pflegen, aber im Konfliktfall sollte die deutsche Kultur Vorrang haben.“ Im Jahr 2000 vertraten nur 61 Prozent diese Position.

Stichwort Leitkultur: Sollten sich Ausländer, die hier leben, primär an der deutschen Kultur orientieren?
Stichwort Leitkultur: Sollten sich Ausländer, die hier leben, primär an der deutschen Kultur orientieren? : Bild: F.A.Z.

Konfrontiert man die Befragten direkt mit der Frage, welche Bevölkerungsgruppen als Deutsche bezeichnet werden können und welche nicht, zeigt sich deutlich die Verunsicherung, und es zeigt sich, wie wenig sich die Vorstellungen der Menschen in den vergangenen beiden Jahrzehnten verändert haben. 1993 wurde zum ersten Mal die Frage gestellt: „Ein Italiener, der in der Bundesrepublik geboren und hier aufgewachsen ist, ist der für Sie eher ein Deutscher oder eher ein Italiener?“ 49 Prozent antworteten damals, der Betreffende sei für sie eher ein Deutscher, 31 Prozent meinten, er sei eher ein Italiener. Heute sagen 42 Prozent, er sei eher ein Deutscher, 30 Prozent sehen ihn als Italiener an.

Kulturtradition und Herkunft

In einer anderen Variante der Frage war statt von einem Italiener von einem Türken die Rede. Auch hier ist seit 1993 nur wenig Veränderung zu verzeichnen: 1993 wie 2016 sagten jeweils 36 Prozent der Befragten, ein in Deutschland geborener Türke sei für sie eher ein Deutscher. Der Anteil derjenigen, die ihn eindeutig als Türken einstufen, ist in der gleichen Zeit von 41 auf 31 Prozent zurückgegangen. Ein bemerkenswert hoher Anteil von 33 Prozent bleibt heute unentschieden.

Und so fällt auch die von Jasper von Altenbockum beschriebene Grundsatzfrage, ob deutsch sein heute vor allem eine Frage des Passes und der Haltung ist oder doch etwas mit Kulturtradition und Herkunft zu tun hat, recht deutlich zugunsten der zweiten Meinung aus. Bei einer Frage legten die Interviewer ein Bildblatt vor, das zwei Personen im Gespräch zeigte, jede mit einem Statement in einer Sprechblase versehen. Die erste Person sagte: „Ich finde, deutsch sein hat nicht unbedingt etwas mit Herkunft und Tradition zu tun. Für mich sind alle diejenigen Deutsche, die den deutschen Pass besitzen, das Grundgesetz und unsere freiheitliche demokratische Grundordnung akzeptieren und danach leben.“ Die Gegenmeinung lautete: „Für mich reicht das allein zum Deutsch sein nicht aus. Deutsch sein ist mehr und hat auch mit Herkunft und Tradition zu tun. Menschen ausländischer Herkunft, die den deutschen Pass besitzen und schon länger hier leben, sind für mich daher noch lange keine ‚richtigen‘ Deutschen.“ 39 Prozent der Befragten entschieden sich für das erste Argument, 49 Prozent für das zweite, und angesichts der beschriebenen Ergebnisse zur Einordnung von in Deutschland geborenen Italienern oder Türken ist auch nicht zu erwarten, dass sich an diesem Meinungsbild kurzfristig etwas ändert.

Wie steht es um die Stärke der Parteien?
Wie steht es um die Stärke der Parteien? : Bild: F.A.Z.

Man kann, je nachdem, welchen Standpunkt man in dieser Frage selbst einnimmt, solche Ergebnisse vielleicht beklagen, doch es ist wichtig, sie zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren. Politik muss sich an der Wirklichkeit orientieren. Zur Wirklichkeit in Deutschland gehört, dass mindestens eine relative Mehrheit der Bevölkerung ihre eigene Nationalität auch über eine in Jahrhunderten gewachsene Kulturtradition und eine gemeinsame Herkunft definiert. Das hat mit Chauvinismus oder Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun, sondern es ist Ausdruck eines meist nicht tiefer reflektierten, aber dafür umso tiefer im Unterbewusstsein verankerten Identitätsgefühls. Wer solche Vorstellungen pauschal als „völkisch“ diffamiert, verwässert damit nicht nur diesen Begriff, sondern er wird den Zuspruch der Menschen verlieren und sie nationalistischen Bewegungen in die Arme treiben.

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