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Allensbach-Analyse : Die Sehnsucht der Städter nach dem „Land“

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Bemerkenswert ist dabei, dass auch die Bewohner der großen Städte, die, wie sich in anderen Fragen zeigt, durchaus die Vorteile des Stadtlebens mit seinen vielen Einkaufs- und Kulturangeboten zu schätzen wissen, das Glück eher auf dem Land vermuten. Auf die Frage „Wo leben Ihrer Ansicht nach die Menschen glücklicher: auf dem Land oder in der Stadt?“ entscheiden sich die Landbewohner mit 54 zu drei Prozent für das Land. Aber immerhin geben auch 23 Prozent der Befragten in großen Städten diese Antwort, während sich nur 13 Prozent für die Stadt entscheiden (die übrigen Befragten wählen die ausweichenden Antwortmöglichkeiten „Kein Unterschied“ oder „Kommt drauf an“). Man glaubt eine gewisse Romantik zu erkennen: Man nutzt die Vorzüge des Stadtlebens, aber das Landleben wird anscheinend als natürlicher, gesünder empfunden.

Man kann annehmen, dass die tatsächlichen Unterschiede zwischen Stadt- und Landleben dank der modernen Infrastruktur heute geringer sind als vor Jahrzehnten. Der Kolumnist Harald Martenstein schrieb einmal, nach seinem Eindruck bestehe der einzige Unterschied heute noch darin, dass es auf dem Land wegen der unzähligen Rasenmäher und Kreissägen lauter sei als in der Stadt. Tatsächlich unterscheiden sich die Angaben der Befragten über die Vor- und Nachteile ihres Wohnortes von Stadt zu Land weniger, als man angesichts der hartnäckigen Klischees über das Stadt- und Landleben vermuten würde.

Warum aber hat das Stadtleben trotz der tatsächlichen Anziehungskraft der Städte einen vergleichsweise schlechten Ruf? Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Frage, bei der die Befragten gebeten wurden, zu verschiedenen Begriffen anzugeben, ob sie sie eher mit dem Leben in der Stadt oder eher mit dem Leben auf dem Land verbinden. Die Ergebnisse zeigen in vielen Punkten das zu erwartende Muster: Die Begriffe „gute Luft“, „günstiger Wohnraum“ und „Nachbarschaftshilfe“ werden von großen Mehrheiten dem Landleben zugeordnet, Stichworte wie „gute Einkaufsmöglichkeiten“, „abwechslungsreich“, aber auch „Schmutz“ und „Lärm“ dem Leben in der Stadt. Etwas überraschend ist vielleicht dagegen, dass die Befragten die Assoziation „einsam“ zu 27 Prozent dem Landleben, aber zu 39 Prozent dem Leben in der Stadt zuordnen. Das Klischee von der Vereinsamung der Menschen in der anonymen Großstadt hat sich in der Umfrageforschung über Jahrzehnte hinweg nie bestätigen lassen, doch es prägt anscheinend bis heute die Vorstellungen vieler Bürger.

Das Landleben trägt im Kontrast dazu die Züge eines Idealbildes. In den Büchern der Stadtkinder sind Bauernhöfe abgebildet, die es seit Jahrzehnten allenfalls noch in Freilichtmuseen gibt, Zeitschriften wie „Landlust“ erreichen Rekordauflagen, die Partei der Grünen erzielt ihre besten Wahlergebnisse regelmäßig in den Zentren der großen Städte. Je mehr Menschen in der Stadt leben, je weniger Kontakt sie zum tatsächlichen Landleben haben, desto mehr wird das Land zu einer Projektionsfläche ihrer Phantasien.

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