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Allensbach-Analyse : Die Sehnsucht der Städter nach dem „Land“

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Die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in die großen Städte gezogen sind, wird von der Bevölkerung durchaus registriert. Auf die Frage „Sehen Sie darin generell ein Problem, oder sehen Sie darin kein Problem?“ antworten 36 Prozent, sie sähen darin ein Problem, etwas mehr, 43 Prozent widersprechen. In den ländlichen Regionen fallen die Zahlen nur wenig anders aus. Hier meinen 40 Prozent, die Landflucht sei ein Problem, 41 Prozent vertreten die Gegenposition. Dabei wird die Landflucht noch eher in den Klein- und Mittelstädten spürbar als im ländlichen Milieu selbst. Dies zeigen die Antworten auf die Frage „Wie ist das bei Ihnen in der Region: Ziehen da eher neue Leute zu, oder ziehen von hier eher Leute weg, oder ändert sich da nicht viel?“ 54 Prozent der Befragten in Großstädten, 40 Prozent der Landbewohner, aber nur 34 Prozent der Bewohner kleinerer und mittlerer Städte antworten auf diese Frage, es zögen an ihrem Ort eher Menschen zu als weg, Von Abwanderung berichten sechs Prozent der Großstadtbewohner, 16 Prozent der Land- und 17 Prozent der Kleinstadtbewohner.

Bisher hat die Abwanderung aus einigen ländlichen Regionen noch nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung erhebliche Defizite in der Infrastruktur wahrnimmt. So betrifft der in der Öffentlichkeit viel diskutierte Ärztemangel im Alltag bisher anscheinend nur wenige Bürger. Eine Frage lautete: „Wenn Sie einmal die Gesundheitsversorgung hier in der Region betrachten: Würden Sie sagen, die Gesundheitsversorgung hier in der Region ist alles in allem sehr gut, gut, nicht so gut, gar nicht gut?“ 96 Prozent der Befragten in Großstädten, aber immerhin auch 84 Prozent der Personen, die in ländlichen Regionen leben, antworteten, die Gesundheitsversorgung in ihrer Region sei gut oder sehr gut. Nur drei Prozent in den großen Städten und 15 Prozent auf dem Land bezeichneten die Lage als weniger gut oder gar nicht gut. Auch bei analog formulierten Fragen, bei denen es um die Schulen und um Einkaufsmöglichkeiten ging, antworteten klare Mehrheiten von mehr als drei Vierteln der Landbewohner, die Lage sei gut oder sehr gut. Lediglich beim Bus- und Bahnnetz fiel der Anteil der positiven Urteile mit 55 Prozent etwas weniger deutlich aus, hier klagten immerhin 40 Prozent über eine weniger gute oder gar nicht gute Anbindung.

Ländlicher Raum ist auf psychologischer Ebene attraktiver geworden

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse muss man berücksichtigen, dass besonders dünn besiedelte Regionen wie Ostvorpommern oder die Altmark nur zu einem kleinen Teil in die Umfrageergebnisse eingehen, weil dort nur wenige Menschen leben. Insofern schlagen sich etwaige Lücken in der Infrastruktur in solchen Gebieten kaum in den Umfrageresultaten nieder. Doch man erkennt immerhin, dass im ländlichen Raum insgesamt bisher nur ein kleiner Teil der Bevölkerung von solchen Problemen betroffen ist.

In einem seltsamen Kontrast zur Abwanderung der Landbevölkerung steht die Tatsache, dass gleichzeitig der ländliche Raum für viele Deutsche auf einer psychologischen Ebene attraktiver geworden ist. Im Jahr 1956 stellte das Allensbacher Institut zum ersten Mal die Frage „Wo haben die Menschen Ihrer Ansicht nach ganz allgemein mehr vom Leben: auf dem Land oder in der Stadt?“ Damals antworteten 59 Prozent, man habe in der Stadt mehr vom Leben, lediglich 19 Prozent sagten dies vom Land. Als die Frage 1977 wiederholt wurde, hatten sich die Antworten deutlich verändert. Nun sagten nur noch 39 Prozent, man habe in der Stadt mehr vom Leben, etwas mehr, 43 Prozent, entschieden sich für das Land. Heute sagt nur noch jeder Fünfte, in der Stadt lebten die Menschen besser.

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