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Allensbach-Analyse : Der Groll über den großen Bruder

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Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel (Juni 2013): Beim Ansehen des amerikanischen Präsidenten unter den Deutschen erkennen die Demoskopen eine „echte Entzauberung“ Bild: Reuters

Die NSA-Affäre wird als Skandal empfunden. Doch es gibt keinen dramatischen Einbruch des Vertrauens in die Vereinigten Staaten. Die Krisen in der Ukraine und im Mittleren Osten stärken die Rolle des Bündnispartners.

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          Eine für Sozialwissenschaftler besonders interessante Konstellation der Bevölkerungsmeinung ist der „Kreuzdruck“, den schon der österreichisch-amerikanische Pionier der Umfrageforschung Paul Lazarsfeld in den vierziger Jahren beschrieb. Kreuzdruck bedeutet, dass sich die Wähler von gegenläufigen Überzeugungen oder Loyalitäten hin- und hergerissen fühlen. In Lazarsfelds Tagen waren das beispielsweise Anhänger der Republikaner, die gleichzeitig eine gute Meinung über den damaligen demokratischen Präsidenten Roosevelt hatten. Solche Menschen brauchen, wie Lazarsfeld nachwies, besonders lange, um sich zu einer Wahlentscheidung durchzuringen. Die spannende Frage ist dann immer, welche der widerstreitenden Überzeugungen sich durchsetzt.

          In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es wiederholt Situationen, in denen das politische Klima von Kreuzdruck geprägt war, beispielsweise im Bundestagswahlkampf 2005, als die meisten Deutschen eine Abwahl der Bundesregierung aus SPD und Grünen befürworteten, viele aber gleichzeitig Gerhard Schröder als Kanzler behalten wollten. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war die Lage ähnlich. Damals war unter Unionsanhängern die Ansicht verbreitet, Helmut Schmidt sei eigentlich ein guter Bundeskanzler, nur bedauerlicherweise Mitglied der falschen Partei.

          Entfremdung und Annäherung

          Auch die aktuelle Haltung der Deutschen gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika lässt sich mit dem Begriff des „Kreuzdrucks“ beschreiben. In einigen Bereichen ist eine Entfremdung, in anderen eine leichte Annäherung zu beobachten. Alles in allem hat sich die schleichende Tendenz zum Antiamerikanismus, die noch im Januar 2013 festgestellt werden musste, zumindest nicht verstärkt.

          Dabei zeigt sich die Bevölkerung angesichts der NSA-Abhöraffäre durchaus deutlich verärgert. Auf die Frage, ob sie es als großen Skandal empfänden, dass der amerikanische Geheimdienst die Telefon- und Internetverbindungen in Deutschland überwacht hat, antworten heute 66 Prozent der Deutschen mit „Ja“. Wandelt man die Frage etwas ab und spricht ausdrücklich an, dass die NSA auch das Telefon von Bundeskanzlerin Merkel abgehört hat, ändern sich die Antworten nicht wesentlich: 61 Prozent bezeichnen diesen Vorgang als großen Skandal.

          Verletzte Gefühle

          Dabei scheint die Reaktion der Deutschen nicht so sehr von der Besorgnis getrieben zu sein, es gehe von den NSA-Aktivitäten für sie selbst eine konkrete Bedrohung aus. Eine Grundlagenstudie zum Thema Freiheit und Datenschutz, der „Freiheitsindex Deutschland 2014“, der Anfang Oktober der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird, zeigt, dass viele Menschen noch immer recht sorglos mit ihren persönlichen Daten umgehen.

          Stattdessen meint man in den Antworten verletzte Gefühle zu erkennen. Eine Frage lautete „Zur Überwachung des Handys von Bundeskanzlerin Merkel sagte neulich jemand ,Als ich das gehört habe, war ich richtig enttäuscht von den Amerikanern.‘ Empfinden Sie das auch so, oder empfinden Sie das nicht so?“ 54 Prozent antworteten, sie empfänden das auch so.

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