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Allensbach-Analyse : Das zarte Pflänzchen Integration

  • -Aktualisiert am

„Leitkultur“ ist wieder en vogue

Vielleicht tragen diese Erfahrungen dazu bei, dass die deutsche Bevölkerung in den Fragen, die sich mit den Voraussetzungen des Zusammenlebens von Deutschen und Ausländern beschäftigen, zunehmend deutlich Forderungen stellt. Dass Ausländer, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, die deutsche Sprache beherrschen müssen, ist Konsens unter der Bevölkerung: 97 Prozent unterstützen diese Forderung. Ähnlich eindeutig ist auch die Reaktion auf die Frage: „Wenn ein Ausländer, der schon lange bei uns lebt oder sogar hier aufgewachsen ist, deutscher Staatsbürger werden will: Sollte er dann auch zu den Grundprinzipien und Grundwerten unserer Gesellschaft stehen, sollte er sie anerkennen, oder ist das nicht notwendig?“ Hier antworten 96 Prozent, sie erwarteten von dem betreffenden Kandidaten, dass er sich zu den Grundwerten der deutschen Gesellschaft bekennt.

Auch der noch vor wenigen Jahren politisch heftig umstrittene Begriff der deutschen „Leitkultur“ wird von einer überwältigenden Mehrheit der Befragten akzeptiert. Dies zeigen die Antworten auf eine Frage, bei der zwei Argumente zur Auswahl gestellt wurden. Das erste lautete: „Ausländer, die in Deutschland leben, sollten sich an der deutschen Kultur orientieren. Natürlich können sie ihre eigenen Bräuche, ihre Sprache oder Religion pflegen, aber im Konfliktfall sollte die deutsche Kultur Vorrang haben.“ Die Gegenposition lautete: „Ich bin gegen eine deutsche Leitkultur. In einem Staat, in dem neben Deutschen mittlerweile viele Ausländer leben, kann es keine Leitkultur geben, sondern nur verschiedene Kulturen, die gleichberechtigt nebeneinander bestehen.“ 78 Prozent stimmen heute der ersten, 15 Prozent der zweiten Meinung zu. Im Jahr 2000 betrug das Verhältnis noch 61 zu 27 Prozent.

Das Misstrauen wächst erneut an

Alles in allem scheint der Blick der Deutschen auf die Einwanderer nüchterner, unaufgeregter zu sein als vor wenigen Jahren, aber auch selbstbewusster. Der gesellschaftliche Integrationsdruck nimmt zu. Es hat den Anschein, als wachse allmählich das Verständnis für die Ausländer, doch wie schwierig der Kontakt in vielen Fällen noch immer ist, zeigt sich an der Antwort auf die Frage: „Wenn Sie einmal an die Ausländer denken, die Sie kennen oder die bei Ihnen in der Gegend wohnen: Wollen die meisten lieber unter sich bleiben, oder suchen die meisten auch den Kontakt zu Deutschen?“ 50 Prozent der Deutschen meinen heute, dass die Ausländer in ihrer Umgebung lieber unter sich bleiben, sechs Prozent mehr als noch vor vier Jahren. Nur ein Viertel berichtet von Versuchen der Kontaktaufnahme.

Von hier aus ist der Weg zu einem abermaligen Anwachsen des Misstrauens nicht mehr weit. Eine Frage lautete: „In letzter Zeit war ja manchmal die Rede davon, dass es in Deutschland immer mehr Ausländer gibt, die etwas gegen die Deutschen haben, die die Deutschen nicht leiden können. Glauben Sie, dass das stimmt, gibt es also immer mehr Ausländer in Deutschland, die etwas gegen die Deutschen haben, oder glauben Sie das nicht?“ „Das glaube ich“, antwortet eine relative Mehrheit von 44 Prozent der Deutschen. Es wird noch vieler persönlicher Kontakte bedürfen, um diesen Eindruck zu überwinden.

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