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Kampf gegen den IS : Der Terror begann im Multikultiviertel

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In Tschetschenien, der sowjetischen Teilrepublik unter dem Stiefel Moskaus, mischten die Gotteskrieger schon im ersten Tschetschenien-Krieg kräftig mit, den zweiten zettelten sie an. Bereits 1993 hatten sie die Scharia als geltendes Gesetz eingeführt, 1996 den Islam zur Staatsreligion erklärt. Auch das interessierte niemanden. Stattdessen wurde darüber spekuliert, ob der russische Geheimdienst die blutigen Attentate in Moskau nicht selbst angezettelt habe (wer derlei Spekulationen im Zusammenhang mit 9/11 anstellte, wurde zu Recht als Verschwörungstheoretiker belächelt).

Es geht um die Verteidigung universeller Werte

Der im Dezember 2010 ausgebrochene Sturm des „arabischen Frühlings“ war zwar zunächst eine Hoffnung für die versprengte Minderheit von Frauenrechtlerinnen und Demokraten, wurde jedoch kräftig angefacht von den organisierten Islamisten und finanziert von den Petrodollars Saudi-Arabiens, Qatars und der Vereinigten Emirate – also von genau den Staaten, die bigotterweise jetzt die „Verbündeten“ sind im Kampf von Amerika gegen den IS. Sie scheinen inzwischen zu befürchten, dass sich der Geist, den sie aus der Flasche ließen, gegen sie selber wendet.

In Syrien schließlich war es ebenfalls der arabische Frühling, der zum Auslöser des Bürgerkriegs wurde. Der hätte vielleicht vermieden werden können, wenn das starre Assad-Regime nicht so fatal repressiv auf die ersten Proteste reagiert hätte. Dennoch: Vor gar nicht so langer Zeit galt Syrien als das muslimische Land mit den emanzipiertesten Frauen und der größten religiösen Toleranz, auch gegenüber Juden und Christen. Das ist vorbei. Und zu recht betont heute Asya Abdullah, die Vorsitzende der kurdischen „Partei der demokratischen Einheit“, es handle sich in Kobane nicht nur um kurdischen Widerstand, sondern „um die Verteidigung universeller Werte“.

Die kriegserprobten Söldner des „Islamischen Staats“ kommen aus Afghanistan, Ägypten, Tunesien, Libyen, Algerien, Bosnien oder Tschetschenien. Sie haben schon jetzt Hunderttausende Tote und Millionen Flüchtlinge auf dem Gewissen. Geschätzte 4.000 eifernde Gotteskrieger (plus ein paar Bräute) aus dem Westen mischen ebenfalls mit im „Heiligen Krieg“; darunter, heißt es, 450 Deutsche. Jene, die ihr blutiges Geschäft in Syrien und im Irak überleben, werden zurückkehren. Sie haben dann die Menschenverachtung, das Vergewaltigen und Morden so richtig gelernt. Und werden damit weitermachen. Mitten unter uns.

Gerade brechen wegen dieser sich nähernden Gefahr Erschrecken und Hektik in Deutschland aus. Dabei hätte es wahrlich nicht so weit kommen müssen. Dreißig Jahre lang gefiel sich der Westen in der Attitüde einer falschen Toleranz, die keineswegs alarmiert war von der Entrechtung der Frauen und auch nicht unterschied zwischen Muslimen und Islamisten. Er setzte der Agitation in den Multikultivierteln nichts Positives entgegen, sondern sah weg. Wir sahen weg. Denn die ersten Opfer dieser falschen Toleranz waren ja nicht wir, sondern es war die von den Fanatikern eingeschüchterte Mehrheit der (noch) nicht fundamentalistischen Musliminnen und Muslime.

Mehr als alle Bomben wären Bildung und Gleichberechtigung der Mädchen und Frauen im muslimischen Kulturkreis die effektivste Waffe gegen die Gottesstaatler, zumindest langfristig. Doch auch und gerade die Musliminnen haben wir im Stich gelassen, indem wir lieber über das Recht aufs Kopftuch debattieren als über die Menschenrechte für Frauen. Stattdessen sollte die westliche Politik in den bedrohten Ländern besser endlich zu mehr Bildung und Frauenrechten beitragen. Was durchaus möglich wäre – wenn wir nur wollten.

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