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Alexander Van der Bellen : Wahlsieger des anderen Österreichs

Sichtlich gelöst: Alexander van der Bellen nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses in Wien Bild: Reuters

Sein Lebenslauf ist von vielen Wechseln bestimmt, zu den Grünen kam er erst in den neunziger Jahren. Doch auch als deren Parteivorsitzender versuchte der Volkswirt Van der Bellen, ideologisch unabhängig zu bleiben. Ein Portrait.

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          Alexander Van der Bellen wird von Freunden oder denen, die als solche gelten wollen, „Sascha“ gerufen. Das und sein Nachname deuten auf einen Migrationshintergrund des neuen österreichischen Bundespräsidenten hin. Sein Vater war Russe mit niederländischen Wurzeln, seine Mutter war Estin. Die Kriegswirren verschlugen die beiden nach Tirol, wo Van der Bellen 1944 geboren wurde und zur Schule ging.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Viele Male hat Van der Bellen auf diesen Hintergrund verwiesen, als es um die Haltung Österreichs in der heutigen Migrationskrise ging. Nicht ohne hinzuzufügen, dass er ein paar Startvorteile hatte: Seine Eltern sprachen Deutsch und waren – der Vater Kaufmann – gut ausgebildet. Van der Bellen hat im vergangenen Jahr seine Lebensgefährtin geheiratet. Da war eine Präsidentschaftskandidatur für die Grünen schon im Gespräch. Aus erster Ehe hat er zwei erwachsene Söhne.

          Wenn es eine Konstante im seinem Lebensweg gibt, dann ist es der Wechsel und eine gewisse Unbestimmtheit. Die FPÖ hat im Wahlkampf versucht, daraus Kapital zu schlagen, indem sie Van der Bellen als wankelmütig und opportunistisch hinzustellen versuchte. Man kann seinen Weg aber auch anders deuten, nämlich als Ausdruck davon, dass er lernbereit und nicht ideologisch fixiert ist. Den österreichischen Wählern, jedenfalls einer äußerst knappen Mehrheit von ihnen, war das am Ende offensichtlich doch lieber als die unbeirrbare Selbstgewissheit des FPÖ-Bewerbers Norbert Hofer.

          Van der Bellen schlug zunächst eine Hochschulkarriere ein, der Volkswirt lehrte in Innsbruck und in Wien. Als Student ging er zunächst auf dem Pfad der linksrebellischen Achtundsechziger, vielleicht auch eine Gegenreaktion zu seinem kommunistenfeindlichen Elternhaus, wie er selbst sagt. In den siebziger Jahren gehörte er einer Freimaurerloge in Innsbruck an, doch wandte er sich irgendwann wieder desinteressiert ab – so ganz sicher, ob er nicht mehr Mitglied ist, scheint er selbst nicht zu sein. Politisch ging er in den achtziger Jahren zur SPÖ, zahlte aber auch da bald keine Mitgliedsbeiträge mehr. 1994 holten ihn die Grünen als Quereinsteiger zu sich, zwei Jahre später war er schon Vorsitzender.

          Zehn Jahre lang führte er die Partei und die Fraktion der Grünen. Gleichwohl hielt er einen gewissen Abstand zu deren fundamentalen Glaubenssätzen. Und auch zu ihrem Auftreten. Van der Bellen steht für Bedächtigkeit statt Aktionismus. In einem Buch, in dem er sich vergangenes Jahr eher als Liberaler denn als Grüner präsentierte, schrieb er über seine Anfangszeiten als Bundessprecher der Grünen.

          Man habe in „dazu erziehen“ wollen, sich auf vier Botschaften zu konzentrieren, die er bei einem Live-Interview unterzubringen habe. „Im Taxi auf dem Weg zum ORF-Zentrum Küniglberg ist mir die vierte Botschaft in der Regel schon nicht mehr eingefallen.“ Trotzdem wirkte es wenig glaubwürdig, dass er sich nun im Wahlkampf als unabhängiger Kandidat präsentierte, auch da seine Kampagne von den Grünen finanziert wurde. Entsprechend feiern sie nun mit ihm.

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