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Aktenfund in der Birthler-Behörde : Stasi-Mitarbeiter erschoss Benno Ohnesorg

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Der inoffizielle Mitarbeiter Kurras lieferte dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit genaue Kenntnis über „alle Aktivitäten der West-Berliner Polizei gegen das Ministerium“, er meldete Verdachtfälle gegen andere IM, die Namen von Verfassungsschutz-Vertrauensleuten und Fluchthelfern, er nahm Aufträge für Recherchen in der KfZ-Kartei, im Fahndungsbuch und im Einwohnermeldeamt an. Kurras besaß eine Minoxkamera und von 1961 an einen gefälschten Ost-Berliner Ausweis. Den Kontakt mit ihm hielt eine Kurierin, mit der er sich im Schleusen-Café im Tiergarten traf. Kurz vor dem Bau der Mauer 1961 wurde vereinbart, dass Kurras jeweils sonntags gegen 15.30 Uhr und später samstags um zwölf Uhr per Funk Informationen liefern und Aufträge entgegennehmen solle.

Im SED-Staat war man zufrieden mit Kurras: „Die gestellten Aufgaben werden von ihm gewissenhaft erfüllt. Bei der Erfüllung seiner Aufgaben zeigt der K. Mut und entwickelt die notwendige Initiative ... er (steht) treu zur Deutschen Demokratischen Republik“, heißt es in seiner Akte.

Als die Kripo im November 1965 einen Neuköllner Kripo-Beamten und seine Frau unter dem Verdacht verhaftete, für die DDR spioniert zu haben, zeigte sich, dass Kurras' Loyalität der DDR gehörte. Der Mann war ein alter Kommunist und seinerseits ein Inoffizieller Mitarbeiter des MfS (IM „Heinrich Schwarz“). Kurras versuchte, die Frau vor der Verhaftung zu warnen. Doch sie gestand, was Kurras, der sie als Mitglied der West-Berliner Kripo zu vernehmen hatte, ihr übelnahm und sie während der Vernehmung beschimpfte: „Kurras sagte, so sein Führungsoffizier Werner Eiserbeck: ,Gebt mir den Auftrag, die würde ich umbringen, so eine Verräterin‘.“

Karl-Heinz Kurras war ein Waffennarr. Weil er eine Waffe aus Kriegstagen behalten hatte, saß er von 1946 bis 1950 im ehemaligen KZ Sachsenhausen. In West-Berlin gehörte er dem Polizeisportverein und dem Jagdverein an. Bei MfS war bekannt, dass er den „überwiegenden Teil seiner Freizeit“ auf dem Schießstand verbrachte und einen guten Teil seines Einkommens für den Schießsport ausgab. 1961 gab Kurras dem MfS eine Waffe und erhielt eine andere, 1965 bekam er Geld, um sich eine andere Waffe kaufen zu können.

„Sehr bedauerlicher Unglücksfall“

Kurras handelte aus Überzeugung. Er ließ sich aber auch bezahlen. 1955 erhielt er 550 DM, im Jahr drauf 800, 1960 waren es 2310 DM, 1961verdiente er 2200 DM, 1966 schon 4500 DM für seine Spitzeldienste. In den ersten beiden Monaten 1967 flossen 2000 DM, im Mai noch einmal 1000 DM an ihn. Nach dem Schuss auf Benno Ohnesorg war der Name Kurras weithin bekannt, er musste sich vor Gericht verantworten.

Im MfS wurde seine Akte analysiert, er erhielt die Anweisung, alles Material zu vernichten und die Arbeit einzustellen. Das „Ereignis“ betrachte man „als sehr bedauerlichen Unglücksfall“. Kurras antwortete, bat um ein Treffen und um Geld - „für Anwalt“. Im Juni hieß es, die Verbindung zu Kurras werde „vorläufig abgebrochen“. Ein weiteres Treffen zwischen Kurras und seinem Führungsoffizier am 24. März 1976 ist noch belegt, andere lassen sich aus dem Aktenbestand, der jedoch nach 1967 „erkennbar ausgedünnt wurde“, nicht belegen.

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