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Aids in Afrika : Empörte Reaktionen auf Papst-Äußerung

  • Aktualisiert am

Sorgt für heftige Debatten: Papst Benedikt XVI. Bild: dpa

Die Äußerung des Papstes, die Verteilung von Kondomen verschlimmere die Aids-Problematik in Afrika, ist auf heftige Kritik gestoßen. Die Deutsche Aidshilfe bezeichnete den Ausspruch als „menschenverachtend und zynisch“.

          Papst Benedikt XVI. hat mit seiner Äußerung, die Verteilung von Kondomen in Afrika könne die Aids-Problematik nicht lindern, sondern verschlimmere sie sogar, in Deutschland für heftige Kritik gesorgt. Die beiden SPD-Bundesministerinnen Ulla Schmidt und Heidemarie Wieczorek-Zeul widersprachen dem Papst am Mittwoch, ohne ihn jedoch ausdrücklich zu erwähnen. „Moderne Entwicklungszusammenarbeit muss den Ärmsten der Armen Zugang zu Mitteln der Familienplanung geben. Und dazu gehört insbesondere auch der Einsatz von Kondomen. Alles andere wäre unverantwortlich“, erklärten Wieczorek-Zeul und Schmidt in Berlin. Kondome retteten Leben.

          Wieczorek-Zeul und Schmidt betonten, Kondome spielten eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids. Allein in Afrika südlich der Sahara seien 22 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert.

          Auch der katholische Weihbischof Hans-Jochen Jaschke aus Hamburg betonte, Kondome könnten vor Aids schützen. „Wer Aids hat und sexuell aktiv ist, wer wechselnde Partnerschaften sucht, muss andere und sich selber schützen“, schreibt Jaschke in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Kirche stehe nicht „in einer finsteren Anti-Kondom-Ecke, von der aus sie die Menschen einschüchtern will“. Er fügte hinzu: „Also: kein Tabu beim Thema Kondom, aber auch keine Mythen und Verharmlosungen, als sei damit die Welt in Ordnung.“

          „Kondome können vor Aids schützen”: Hamburgs Weihbischof Hans-Jochen Jaschke

          Die Deutsche Aidshilfe (DAH) wies den Ausspruch des Papstes als „menschenverachtend, zynisch und weltfremd“ zurück. „Damit versündigt sich der Papst nicht nur an den Katholiken, sondern an der gesamten Menschheit“, sagte DAH-Sprecher Jörg Litwinschuh am Mittwoch in Berlin. „Wir fordern den Papst auf, seine kompromisslose Haltung gegen Kondome aufzugeben und die Prävention von Aids nicht weiter zu behindern.“ Kondome seien nach wie vor unverzichtbare Bestandteile der Vorbeuge- Kampagnen.

          Distanzierung von Äußerungen gefordert

          Michel Kazatchkine, Generaldirektor des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, forderte den Papst am Mittwoch auf, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren. Auch der Sprecher des französischen Außenministeriums wurde von einer italienischen Agentur mit den Worten zitiert, „auch wenn es uns nicht zukommt, Urteile über die Lehre der Kirche abzugeben, meinen wir, dass solche Sätze eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit und die Pflicht, menschliches Leben zu schützen, darstellen“.

          Die Präsidentin, der „Welt-Frauen-Allianz für Leben und Familie“ (Wwalf) warnte hingegen davor, den Gebrauch von Präservativen als Wundermittel anzusehen. Er verführe vielmehr „gerade die jungen Generationen zu falscher Sicherheit“ und bringe sie „in größere Gefahr“, sagte sie.

          Kondome als „Hilfsmittel in Notsituationen“

          Rückendeckung erhielt der Papst auch vom Leiter der deutschen Redaktion von Radio Vatikan in Rom, Pater Eberhard von Gemmingen. „Papst Benedikt XVI. hat das Kondom nicht so strikt verboten, wie das dargestellt wird“, sagte von Gemmingen am Mittwoch der Deutschen Welle. Der Papst habe nur gesagt, dass Kondome keine Lösung seien. Die Ursachen für Aids seien in Armut, in Diktaturen und in Ungerechtigkeiten in der Wirtschaft zu suchen. Die Lösung liege daher in der Überwindung der Armut.

          Der Pater räumte aber ein, dass sich Hilfskräfte vor Ort durch die Aussagen des Papstes vor den Kopf gestoßen fühlen könnten. Kondome seien „Hilfsmittel in Notsituationen“, sagte er. Die Missionare und Mitarbeiter von Kirche in Afrika „wissen schon, wie man unterscheiden muss“. Dem Papst gehe es dagegen um Grundsätzliches, etwa wenn er sich dagegen wende, dass „die Uno predigt, Kondome zu verteilen. Da sagt der Papst: Das ist Quatsch, das hilft nicht“.

          Papst: Ehe gegen Säkularisierung verteidigen

          Papst Benedikt XVI. verteidigte unterdessen am zweiten Tag seiner Afrika-Reise die Werte der Familie. In Kameruns Hauptstadt Yaoundé sagte er, es gelte, die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe auch gegen die Gefahren der modernen Säkularisierung weltweit zu verteidigen. Die sittliche Ordnung von Ehe und Familie und die ethische Ausrichtung der Sexualität seien im Interesse der Menschen auch in Afrika, so Benedikt.

          Bei einem Treffen mit den Bischöfen Kameruns, das bis zum Ersten Weltkrieg deutsches Schutzgebiet war und in dem sich heute etwa die Hälfte der Bevölkerung von 18 Millionen zum Christentum bekennen, warnte der Papst zudem vor dem Missionierungseifer neuer religiöser Gemeinschaften. Man dürfe diese Sekten nicht unterschätzen; sie seien vielmehr „eine dringliche Einladung, sich mit neuem Eifer der Erziehung und Bildung von Jugendlichen und Erwachsenen zu widmen“.

          Treffen mit Andersgläubigen

          Benedikt ermahnte die 30 Bischöfe in der Christkönigs-Kirche von Yaoundé, bei den Priestern dürfe es keinen Unterschied geben „zwischen dem, was sie lehren, und dem, was sie Tag für Tag leben“.

          Schon bei seiner Ankunft am Dienstag hatte Benedikt den anwesenden Vertretern anderer christlicher Kirchen und Religionen für ihr Willkommen gedankt und bemerkt, er wolle den Aufenthalt in Kamerun und - von Freitag an - in Angola auch zu Treffen mit Andersgläubigen nutzen. Für diesen Donnerstag ist in der Apostolischen Nuntiatur eine Begegnung mit Muslimen vorgesehen, die mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen.

          Die Äußerung von Papst Benedikt XVI. im Wortlaut

          Das vatikanische Presseamt hat am Mittwoch einen wörtlichen Mitschnitt der umstrittenen Äußerungen von Papst Benedikt XVI. während seines Fluges nach Kamerun veröffentlicht:

          Frage: „ Heiligkeit, unter den vielen Übeln, die Afrika heimsuchen, steht besonders die Verbreitung von Aids. Die Haltung der katholischen Kirche über die Art und Weise, wie das zu bekämpfen sei, wird oft als unrealistisch und wirkungslos betrachtet. Werden Sie dieses Thema während der Reise ansprechen?“

          Papst Benedikt XVI.: „Ich möchte das Gegenteil behaupten: Ich glaube, dass die wirksamste und im Kampf gegen Aids präsenteste Organisation eben diese katholische Kirche mit ihren Bewegungen und unterschiedlichen Strukturen ist. Ich denke an die Gemeinschaft Sant' Egidio, die im Kampf gegen Aids so viel im Sichtbaren und im Verborgenen tut, ich denke an die Kamillianer und all die Ordensschwestern, die den Kranken dienen (...)

          Ich würde sagen, das Problem Aids kann man nicht bloß mit Werbeslogans überwinden. Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geisel nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden: Im Gegenteil, es besteht das Risiko, das Problem zu vergrößern. Die Lösung kann nur mit einem doppelten Engagement gefunden werden: Das erste ist eine Humanisierung der Sexualität, das heißt eine geistige und menschliche Erneuerung, die eine neue Art des Umgangs miteinander bringt. Und das zweite eine wahre Freundschaft auch und vor allem mit den Leidenden, die Bereitschaft, bei ihnen zu sein, auch mit Opfern und persönlichem Verzicht.

          Dies sind die Faktoren, die helfen und die auch zu sichtbaren Fortschritten führen. Deshalb möchte ich sagen, ist es diese unsere doppelte Anstrengung, den Menschen innerlich zu erneuern, ihm geistige und menschliche Kraft für ein Verhalten zu geben, das dem eigenen Körper und dem des anderen gerecht wird, und diese Fähigkeit, mit den Leidenden zu leiden, da zu bleiben in den Prüfungen des Lebens.

          Mir scheint, dass dies die rechte Antwort ist und dass die Kirche dies tut und damit einen sehr großen und wichtigen Beitrag leistet. Danken wir all jenen, die das tun.“

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