https://www.faz.net/-gpf-7yizy

Türkischer Ministerpräsident : „Pegida denkt wie die Dschihadisten“

  • Aktualisiert am

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu: „Wir müssen gegen jede Form von Extremismus kämpfen.“ Bild: Lüdecke, Matthias

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu äußert sich im F.A.Z.-Interview über die vermeintliche Logik von Pegida, zunehmende Islamophobie, europäische Solidarität in Zeiten des Terrors und den Syrien-Konflikt.

          5 Min.

          Herr Ministerpräsident, am Sonntag haben Sie in Paris an der Kundgebung gegen Terror und Hass teilgenommen. Seit Jahren macht die Türkei die Islamophobie im Westen zum Thema. Verstehen Sie aber die Ängste und Sorgen in Europa?

          Ja, wir verstehen sie. Wir leben ja ebenfalls in Europa. Am Tag vor dem Terroranschlag in Paris wurde in Istanbul bei einem Terroranschlag ein Polizist getötet. Als Europäer sind wir mit demselben Thema konfrontiert. Der einzige Weg, sich gegenseitig zu verstehen, ist Empathie. Denn die einen verstehen die Ängste nichtmuslimischer Europäer nicht, andere verstehen wiederum Ängste der Muslime in Europa nicht.

          Welche Ängste?

          Ich habe in Berlin eine Moschee besucht, gegen die im August ein Brandanschlag verübt worden ist. In den vergangenen zwei Jahren sind in Deutschland 94 Moscheen angegriffen worden, in der Türkei gibt es keine Angriffe auf Kirchen. Wir müssen gegen jede Form von Extremismus kämpfen. Ich war in Paris, um zu zeigen, dass wir bereit sind, mit allen Nationen und Führern gegen den Terror zu kämpfen, selbst wenn die Terroristen behaupten, dass sie Muslime seien. Wir wollen aber dieselbe Solidarität sehen, wenn Moscheen angegriffen werden oder wenn jemand wegen seiner türkischen Identität angegriffen wird.

          Welche Solidarität vermissen Sie?

          Wir haben auch Solidarität zu zeigen bei Themen wie der zunehmenden Islamophobie oder dem Rassismus, wie er sich in den NSU-Morden zeigte. Als das NSU-Gerichtsverfahren vor zwei Jahren begann, kam ich als Außenminister nach Deutschland, ich besuchte alle betroffenen Familien. Am meisten beunruhigten mich die ersten Behauptungen der Polizei, eine Frau habe ihren Mann getötet oder ein Sohn den Vater. Es war nicht gefragt worden, ob die Morde von einer extremistisch-rassistischen Gruppe begangen worden sind. Es gibt eine wachsende Sorge auf allen Seiten.

          In einigen deutschen Städten finden Proteste der Pegida-Bewegung statt; Umfragen zeigen einerseits, dass viele Deutsche glauben, der Islam und die westliche Kultur passten nicht zusammen. Andererseits fühlen sich die meisten Bürger türkischer Herkunft hier zu Hause. Was ist schiefgelaufen?

          Die Geschichte von mehr als fünfzig Jahren türkischer Migration nach Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Wenn wir die Integration voranbringen wollen, müssen wir uns auf diese Erfolgsgeschichten konzentrieren. Man sieht immer zuerst die negativen Aspekte. Wie viele Türken haben aber Anschläge verübt, haben Straftaten begangen? Das ist marginal. Trotz hoher Hürden ist es ihnen gelungen, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen. Über Jahrhunderte lebten Türken in multikulturellen Gesellschaften, mit Moscheen, Kirchen und Synagogen nebeneinander. Bevor die Türken kamen, gab es in Deutschland aber nur eine einzige deutsche Tradition. Entscheidend ist, „wir“ zu sagen und inklusiv zu sprechen. Ich würdige sehr, was Kanzlerin Merkel sagte, dass der Islam zu diesem Kontinent gehöre und sie die Kanzlerin aller Deutschen sei. Sollte jemand aber sagen, er bekämpfe den „anderen Extremismus“, toleriere aber den eigenen Extremismus, und sollte er den „anderen Extremismus“ über die Religion definieren, würde es sehr gefährlich.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Peter Altmaier spricht sich beim 5G-Netz gegen den Ausschluss einzelner Unternehmen aus.

          5G-Netz : Altmaier warnt vor Huawei-Ausschluss

          Im Bundestag wird heftig darüber debattiert, den chinesischen Netzwerkausrüster beim Ausbau des 5G-Netzes zu sperren. Nun meldet sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier zu Wort: „Wir sollten uns nicht gegen einzelne Unternehmen richten“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.