https://www.faz.net/-gpf-88iw6

Afghanistan : Selfies mit Taliban

Junge Männer posieren in Kundus mit einem Talibankämpfer. Bild: Reuters

Die Taliban haben in Kundus afghanische Helfer deutscher Organisationen verfolgt. Die Mitarbeiter fühlen sich von ihren Arbeitgebern im Stich gelassen.

          3 Min.

          Während in Kundus am Donnerstag noch immer heftig gekämpft wurde und Sondereinheiten der afghanischen Armee zwischenzeitlich ins Zentrum der von den Taliban belagerten Provinzhauptstadt vorstießen, hat ein afghanischer Mitarbeiter einer deutschen Organisation in Kundus schwere Vorwürfe gegen seinen Arbeitgeber erhoben. Er und seine Kollegen seien am Montag, als die Taliban Kundus einnahmen, im Stich gelassen worden. Vor allem seien sie nicht über Fluchtmöglichkeiten informiert worden. Die für die Sicherheit der Mitarbeiter zuständigen Personen seien den ganzen Tag über telefonisch nicht zu erreichen gewesen und hätten auch per E-Mail und SMS keine konkreten Informationen über die Sicherheitslage in Kundus versendet. So habe er viel zu spät davon erfahren, dass die Vereinten Nationen Flüge aus Kundus heraus für Mitarbeiter internationaler Organisationen bereitstellten. „Als ich davon erfuhr, waren bereits alle Plätze belegt“, sagt der Mann, der aus Angst um seine Stelle nicht namentlich genannt werden will und daher im Weiteren Bilal heißen wird.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Ein Sprecher der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (Giz) wies die Vorwürfe zurück und erklärte mit Blick auf das sogenannte Risk Management Office: „Das RMO war telefonisch und per Email erreichbar, die Mitarbeiter im RMO arbeiten rund um die Uhr. Es wurden konkrete Handlungsanweisungen weitergegeben.“ Das RMO ist zuständig für die Sicherheit der Mitarbeiter der deutschen Entwicklungsorganisationen und der Giz angegliedert. Dieses Büro, in dem unter anderen frühere Bundeswehrsoldaten und frühere Mitarbeiter des afghanischen Geheimdienstes beschäftigt sind, verfügt über ein breites Netzwerk an Informanten in jenen Provinzen, in denen die Organisationen aktiv sind. Es analysiert die Sicherheitslage, gibt Empfehlungen ab, wie Gefahren vermieden werden können, versendet Informationen über aktuelle Gefahren und ist im Ernstfall dafür zuständig, deutsche und internationale Mitarbeiter vor Kampfhandlungen in Sicherheit zu bringen. Nach Angaben eines GIZ-Sprechers sind auch „nationale Mitarbeiter in das Sicherheitssystem eingebettet und werden mit Informationen und Empfehlungen versorgt“.

          Gegenoffensive: Afghanische Sicherheitskräfte rücken am Donnerstag in Kundus Richtung Stadtzentrum vor.
          Gegenoffensive: Afghanische Sicherheitskräfte rücken am Donnerstag in Kundus Richtung Stadtzentrum vor. : Bild: dpa

          Nach Bilals Angaben verschickte das RMO am Montag drei SMS. Die erste erklärte „white city“ für Kundus. Das bedeutet für die Mitarbeiter (deutsche und internationale Kräfte befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Stadt): Achtung Anschlagswarnung, bleiben Sie daheim. Die zweite SMS habe Kundus zur „orange city“ und die dritte zur „red city“ erklärt. „Sie haben Kundus für uns farbenfroh gemacht“, sagt Bilal. „Stattdessen hätten wir Informationen und Anweisung gebraucht, was wir tun sollen.“ Hilfreich, so Bilal, wäre auch eine frühzeitige Warnung gewesen, dass die Taliban mit einem Angriff auf Kundus begonnen haben, um noch eine Flucht zu ermöglichen. Das Risk Management Office habe im Ernstfall „versagt“, sagt Bilal.

          Am Dienstag gelang Bilal die Flucht. Zu Fuß gelangte er auf das Flughafengelände in Kundus, wo sich rund 5000 Polizei- und Armeeangehörige verschanzt hatten. Bilal hatte Glück. Die afghanische Armee erlaubte ihm, in einem ihrer Flugzeuge nach Kabul mitzufliegen, das zuvor Munition in die belagerte Stadt gebracht hatte. Am Donnerstag erfuhr Bilal von Nachbarn, dass die Taliban namentlich nach ihm gefragt hätten und auch in sein Haus eingedrungen seien. Sein Büro sowie die Büros der übrigen deutschen Organisationen hätten die Taliban geplündert. Auch das habe er von Bewohnern erfahren. „Sie haben jetzt alle Daten“, sagt Bilal. Und die Fahrzeuge der Deutschen.

          Seine Familie, Frau, Kinder, Eltern und Geschwister, musste er zunächst zurücklassen. Sie seien weniger gefährdet gewesen, weil die Taliban gezielt gegen Mitarbeiter ausländischer Organisationen – nicht aber deren Familien vorgegangen seien. Ihnen gelang später die Flucht per Taxi in eine Nachbarprovinz.

          Afghanistan : Spezialkräfte erobern offenbar Kundus zurück

          Einfache Leute, sagt Bilal, der weiterhin mit mehreren Bewohnern von Kundus im Telefonkontakt steht, seien von den Extremisten gut behandelt worden. Im Internet habe er gesehen, dass viele Bewohner der Stadt sogar Selfies mit Kämpfern der Taliban veröffentlicht hätten. Viele hätten sich in den vergangenen Tagen in jenen Teilen der Stadt, in denen keine Gefechte stattfanden, auf die Straße getraut. „Wir sind im Krieg aufgewachsen“, sagt Bilal.

          Die afghanische Regierung erklärte in der Nacht zum Donnerstag voreilig, Spezialkräfte der Armee hätten Kundus aus den Händen der Taliban befreit. „Afghanische Spezialkräfte kontrollieren jetzt Kundus-Stadt, sie ist zurückerobert“, teilte der Sprecher des Innenministeriums um ein Uhr morgens über den Kurznachrichtendienst Twitter mit. Später bezifferte er die Zahl der in Kundus getöteten Talibankämpfer auf 150. Bis zum späten Nachmittag aber berichteten Bewohner der Stadt weiter von heftigen Kämpfen in mehreren Stadtteilen. Soldaten durchkämmten die Straßen und durchsuchten Häuser nach Kämpfern, die sich womöglich unter die Zivilbevölkerung gemischt haben. Die Offensive der Regierungstruppen sei in der Nacht von zahlreichen Luftschlägen gegen Talibanstellungen unterstützt worden, berichteten Bewohner der Nachrichtenagentur Reuters. Ein Sprecher der amerikanischen Truppen in Afghanistan sagte, diese würden in Kundus ihre „Beratungs- und Unterstützungsmission“ und ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmen. Genauere Angaben machte er nicht.

          Am Morgen hatten sich afghanische Spezialkräfte nach übereinstimmenden Berichten in die Innenstadt vorgekämpft und hatten dort die Flagge der Taliban entfernt. Doch am späten Nachmittag berichtete der britische Sender BBC unter Berufung auf Bewohner, die weiße Flagge wehe abermals auf dem zentralen Verkehrskreisel der Stadt.

          Weitere Themen

          Somalischer Regierungssprecher verletzt Video-Seite öffnen

          Nach Attentat : Somalischer Regierungssprecher verletzt

          Der Regierungssprecher Mohamed Ibrahim Moalimuu befindet sich nach der Explosion im stabilen Zustand im Krankenhaus. Die militante islamistische Gruppe Al-Shabaab bekannte sich in ihrem Radiosender Andalus zu dem Anschlag.

          Topmeldungen

          Lars Klingbeil (links), Vorsitzender der SPD, und Saskia Esken, Vorsitzende der SPD, äußern sich am 20. Dezember 2021 bei einer Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung des Parteivorstandes im Willy-Brandt-Haus in Berlin.

          Trotz Wahlerfolgs : Die SPD verliert weiter rasant Mitglieder

          Nach dem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl traten der Partei im September zwar mehr Neumitglieder bei als in allen anderen Monaten des Jahres. Aber sie konnten den abermaligen Verlust von etwa fünf Prozent der Mitgliedschaft nicht ausgleichen.