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Afghanistan : Scherbenhaufen Kundus

Afghanische Spezialkräfte positionieren sich für eine Schlacht gegen die Taliban in Kundus. Bild: Reuters

Schon seit zwei Jahren schlittert Afghanistan dem Abgrund entgegen, doch im Westen nahm man das kaum zur Kenntnis. Wenn überhaupt noch über das Land gesprochen wurde, dann oft verharmlosend und beschönigend. Ein Kommentar.

          Der Fall von Kundus war ein Wendepunkt für Afghanistan. Bislang galten die größeren Städte den modernen Eliten des Landes trotz regelmäßiger Bombenanschläge noch immer als relativ sichere Rückzugsräume vor dem Zugriff der Taliban. Damit ist es nun vorbei. Nachdem die Extremisten vergangene Woche erstmals seit Beginn ihres Aufstandes eine Provinzhauptstadt eingenommen hatten, machten sie gezielt Jagd auf alle, die für ein prowestliches Afghanistan stehen: Journalisten, Frauenrechtler, Staatsbedienstete, Entwicklungshelfer, gar Hebammen. Viele gebildete Afghanen werden sich jetzt erst recht dem Strom der Flüchtlinge in Richtung Europa anschließen. Für Afghanistan bedeutet das den Verlust der wichtigsten Errungenschaft der westlichen Intervention: einer ganzen Generation von Fachkräften. Für Deutschland bedeutet es eine weitere Flüchtlingswelle.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Auch deshalb war der Fall von Kundus ein Weckruf für die Bundesregierung. Schon seit zwei Jahren schlittert das Land dem Abgrund entgegen, doch im Westen nahm man das kaum noch zur Kenntnis. Wenn auf internationaler Bühne überhaupt noch über Afghanistan gesprochen wurde, dann oft verharmlosend und beschönigend. Daten, die die prekäre Lage dokumentieren könnten, wie die Zahl der getöteten afghanischen Sicherheitskräfte oder Kennziffern über ihre Kampfstärke, werden von der Nato inzwischen als geheim eingestuft. Denn der Abzugsplan der ausländischen Truppen orientierte sich nicht an den Gegebenheiten vor Ort, sondern an den Vorgaben der amerikanischen Innenpolitik.

          Leichte Beute für die Taliban

          In dieser Woche will sich die Bundesregierung beim Nato-Verteidigungsministertreffen für eine Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes um ein Jahr einsetzen. Dass eine reine Verlängerung des auf Ausbildung und Beratung begrenzten Mandates ausreicht, um den Abwärtstrend am Hindukusch zu stoppen, erscheint allerdings fraglich. Der Fall von Kundus offenbart Schwächen beim Geheimdienst und in der strategischen Planung der afghanischen Sicherheitskräfte, denen man mit Beratung beikommen könnte. Die Probleme liegen aber tiefer.

          Kundus war auch deshalb eine leichte Beute für die Taliban, weil die politische Führung der Provinz in interne Machtkämpfe verstrickt war – so wie es auch die dysfunktionale Zentralregierung in Kabul seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr ist. Die Gräben zwischen den Lagern verlaufen quer durch Polizei und Armee, deren Anführer mehr damit beschäftigt sind, sich und ihre Klientel zu bereichern, als dem gemeinsamen Feind, den Taliban, entgegenzutreten. Das hat die Moral der Truppe derart geschwächt, dass sie sich in Kundus trotz deutlicher Überzahl dem Ansturm der Taliban kaum entgegenstellte.

          Solange die politische Elite in Afghanistan nicht willens ist, diese Ränkespiele zu beenden, sind die Erfolgsaussichten ausländischer Militärhilfe begrenzt. Denn für eine solche Regierung will kein afghanischer Soldat sein Leben riskieren. Vor einem Jahr war Präsident Ashraf Ghani mit dem Versprechen angetreten, die Korruption zu bekämpfen, die Milizen zu entmachten und Führungspositionen mit jungen gebildeten Technokraten statt diskreditierten lokalen Machthabern zu besetzen. Ausgerechnet Kundus sollte zur Modellprovinz für diese neue, moderne Politik werden. Sie liegt nun in Scherben.

          Für die Rückeroberung der Stadt, in der immer noch gekämpft wird, reichte Beratung nicht aus. Ohne den Einsatz amerikanischer Kampfpiloten hätten die Taliban in der vergangenen Woche wohl den Flughafen von Kundus eingenommen und dort womöglich ein Blutbad unter rund 5000 Soldaten und Polizisten angerichtet, die sich dort verschanzt hatten. Doch eine funktionsfähige afghanische Luftwaffe, die in Zukunft diese Aufgabe wahrnehmen könnte, ist nicht in Sicht. Nach dem verheerenden Luftangriff auf ein Krankenhaus der „Ärzte ohne Grenzen“ wird Washington diese Art der Unterstützung womöglich sogar wieder zurückfahren.

          Der Krieg könnte die ganze Region in Brand setzen

          Mittelfristig wird nur eine politische Lösung unter Einbeziehung der Taliban, der Nachbarländer Iran und Pakistan sowie der Regionalmacht Indien das Land dauerhaft befrieden können. Denn die treibende Kraft hinter der Afghanistankrise ist die alte Feindschaft zwischen Delhi und Islamabad. Ihr kann nur mit verstärkten diplomatischen Anstrengungen begegnet werden.

          Der Fall von Kundus, wenngleich nur vorübergehend, hat zudem gezeigt, wie real die Gefahr ist, dass der Krieg in Afghanistan wie in den neunziger Jahren eine ganze Region in Brand setzt: dass also der Norden Afghanistans abermals zum Operationsgebiet zentralasiatischer Dschihadisten aus Usbekistan und Tadschikistan, aber auch von Tschetschenen und Uiguren werden könnte. Russland und China sind beunruhigt, und darin liegt womöglich eine Chance für politisches Handeln. Denn anders als in Syrien liegen die Interessen der großen Mächte in Afghanistan nicht allzu weit auseinander. Doch eine Woche nach dem Fall von Kundus erlahmt die internationale Aufmerksamkeit schon wieder. Wurde der Weckruf doch nicht gehört?

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