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Afghanistan-Reise : Guttenbergs Heimspiel an der Front

Vor dem Abflug: Verteidigungsminister zu Guttenberg in einem CH-53-Hubschrauber Bild: Berthold Kohler, F.A.Z.

Karl-Theodor zu Guttenberg sprach als erster deutscher Verteidigungsminister von „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan. Nun war er selbst dort. Er muss nichts zurücknehmen. Berthold Kohler hat beobachtet, wie der CSU-Politiker seine Talente auch auf gefährlichem Terrain einzusetzen weiß.

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          Es ist ein wüstes Land, dieses Afghanistan, wenigstens aus der offenen Heckklappe eines CH-53-Transporthubschraubers betrachtet. Wie an einem endlosen Band jagen Sanddünen, schroffe Felsformationen und Hügel mit verdorrten Grasbüscheln unter dem Helikopter durch, der mitunter nur dreißig Meter über dem Boden dahinrast, um einem Schützen mit einer Boden-Luft-Rakete auf der Schulter nicht zu viel Zeit zum Zielen zu lassen. Kaum eine Spur von Mensch und Tier, und doch kann auch Karl-Theodor zu Guttenberg, obwohl wie fast alle Passagiere nach zwei Nächten mit wenig Schlaf müde, nicht den Blick von dieser Marslandschaft abwenden.

          Dann aber muss er es, als sich nach einem der vielen Höhen- und Kurswechsel einer der Behelmten an Bord zu ihm herunterbeugt. Der Führungshelikopter hat gemeldet, dass die Formation mit Infanteriewaffen, also wahrscheinlich Kalaschnikows, beschossen worden ist; das ist das Risiko des Tiefflugs. Getroffen wurden die drei Maschinen jedoch nicht. Das Glück hat nicht jeder. Am Tag vor der Ankunft des Verteidigungsministers kam ein Hubschrauber desselben Typs mit vier Einschusslöchern im Zusatztank zurück zur Basis. Guttenberg trägt den Abschiedsgruß der Taliban – er ist auf dem Weg zurück zum Flugplatz im usbeskischen Termes, wo der Luftwaffen-Airbus wartet – mit Fassung. Auf seiner ersten Reise als Verteidigungsminister nach Afghanistan hat er Schlimmeres gesehen und weit Schlimmeres gehört als eine Meldung über Beinahetreffer.

          Schon in der Region Kundus, wo mehrere hundert der viereinhalbtausend Bundeswehrsoldaten Dienst tun müssen, mit denen Deutschland sich an der internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) beteiligt, herrschen die „kriegsähnlichen Zustände“, von denen der Minister im Unterschied zu seinem Vorgänger Jung gleich nach Amtsantritt sprach. Wie zum Beweis hatten die amerikanischen Streitkräfte eine Woche vor Guttenbergs Ankunft in Hör- und auch schon Sichtweite des deutschen Feldlagers tagelang Gruppen von Aufständischen beschossen und bombardiert. Selbst A-10-Erdkampfflugzeuge, ursprünglich für den Einsatz gegen die Panzerarmeen des Warschauer Pakts konstruiert, kamen zum Einsatz. Mehr als hundert Taliban-Kämpfer sollen getötet worden sein. Und das wohlgemerkt nicht im umkämpften Süden, wo jeden Tag ein Guerrillakrieg tobt, sondern im sogenannten „ruhigen“ Norden.

          Nach dem Beschuss: Meldung an Verteidigungsminister zu Guttenberg noch in der Luft

          An der Boden- und Luft-Operation der Amerikaner vor den Toren des deutschen Feldlagers war die Bundeswehr nicht beteiligt, das lässt ihr Mandat nicht zu. Daher muss der amerikanische Isaf-Oberbefehlshaber McChrystal, den zu Guttenberg in Kabul trifft, nun auch keine Untersuchung befehlen. Aber auch die deutschen Soldaten am Standort Kundus sind auf Patrouille schon oft in Gefechte verwickelt worden, in denen die Aufständischen, so der Führer einer der drei Kampfkompanien, „uns von allen Seiten mit allem angreifen, was sie haben“: Sprengfallen, Panzerfäuste, Maschinengewehre. Auch der Hauptmann hat in Kundus schon zwei seiner Soldaten verloren; ihre Namen finden sich auf der zunehmenden Zahl der Messingschilder im „Ehrenhain“ wieder. Im Lazarett von Kundus liegt ein – selbstredend von Guttenberg besuchter – Verwundeter, den erst am Mittwoch ein Treffer an Bein und Hüfte schwer verletzte.

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