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Afghanistan : Prügelknabe Deutschland

Die Kritik an dem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff in Afghanistan passt ins derzeit beliebte Deutschland-Bashing. Unabhängig vom Gehalt der Vorwürfe im Einzelnen: Langsam wird es etwas viel.

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          Am Tag nach dem fulminanten Auftritt der Kanzlerin im Bundestag („Ich verbitte mir Vorverurteilungen, von wem auch immer“) hat wenigstens die amerikanische Regierung ein paar freundliche Worte für den Beitrag der Bundeswehr in Afghanistan gefunden und deren „Hingabe und Professionalität“ gewürdigt. Ob gönnerhaft oder nicht: Offenbar haben einige in Washington und in dessen Nato-Mission in Brüssel erkannt, dass die demütigende öffentliche Kritik seitens des Isaf-Oberbefehlshabers McChrystal an der Entscheidung des deutschen Kommandeurs in Kundus, einen Bombenabwurf anzuordnen, dem Afghanistan-Enthusiasmus der Deutschen nicht gerade förderlich ist.

          Und offenbar hat die Bundesregierung ihre Partner unmissverständlich wissen lassen, was sie von derlei Bloßstellung und Besserwisserei hält. Was freilich die Außenminister Großbritanniens und Frankreichs nicht davon abhielt, abermals lautstark Ermittlungen über den Vorfall zu verlangen, die schon längst im Gang sind, und so zu tun, als sei der vom deutschen Oberst befohlene Angriff der Wendepunkt zur endgültigen Katastrophe des Nato-Einsatzes in Afghanistan. Aber wenigstens Amerika dürfte klar sein, dass ein wie auch immer verklausuliertes abfälliges Urteil über die Kompetenz und Tapferkeit der deutschen Soldaten kein Lockmittel für Berlin ist, weitere Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. Es bestärkt nur die große Mehrheit der Bevölkerung darin, den raschen Abzug der Bundeswehr zu fordern. Es ist kontraproduktiv und unklug.

          Darüber hinaus fällt bei dem Vorgang „Kundus“ eines auf: wie schnell und entschieden nicht wenige Partner Deutschlands mit empörungsposenhafter Kritik bei der Hand sind, ohne jede Kenntnis von Einzelheiten. Damit sind nicht die amerikanischen Militärs gemeint, die mit den Einsatzbeschränkungen der deutschen Soldaten leben müssen und denen deutsche Politiker ihrerseits mit neunmalklugen Belehrungen ständig auf die Nerven gegangen sind. Aber auch sie hätten ihre deutschen Kollegen nicht bloßstellen müssen. Die wohlfeile Kritik nicht zuletzt der Europäer passt zu dem „Deutschland-Bashing“, dass seit einiger Zeit Mode ist: Deutschland macht dies zu wenig und das zu viel, ist hier ängstlich und da großmäulig, tritt in der EU auf die Bremse und ist in der Nato das „neue Frankreich“. Unabhängig vom Gehalt der Vorwürfe im Einzelnen: Langsam wird es etwas viel.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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