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Afghanistan : Massud war Symbolfigur im Kampf gegen die Taliban

  • Aktualisiert am

Der Löwe von Panschir ist tot Bild: dpa

Die Ermordung des afghanischen Oppositionsführers Achmed Schah Massud könnte zu einer Offensive der Taliban im Norden des Landes führen.

          3 Min.

          Mit dem Tod des afghanischen Oppositionsführers Achmed Schah Massud haben die USA vor einem möglichen Vergeltungsangriff auf Afghanistan ihren wichtigsten Verbündeten im Land verloren. Ein Vertreter der afghanischen Exilregierung bestätigte am Samstag den Tod des 49-Jährigen. Tagelang wollten seine Anhänger den Tod nicht bestätigen - vermutlich, um sich für eine Offensive der Taliban gegen ihre Positionen im Nordosten des Landes zu wappnen. Denn die in Kabul herrschende und international isolierte radikal-islamische Miliz erhoffte sich vom Tode Massuds einen militärischen Vorteil, nachdem sie sich jahrelang an ihm und seinen Truppen die Zähne ausgebissen hatte.

          Der „Löwe von Panschir“ galt auch als eine der Symbolfiguren des zehnjährigen Widerstandskampfs der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion nach der Invasion der Roten Armee 1979. Internationale Beobachter befürchten nun eine umfassende Offensive der Taliban im Nordosten des Landes. Russland verstärkte an der rund 1500 Kilometer langen Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan bereits seine Truppen. Moskau befürchtet für den Fall einer neuen Taliban-Offensive im Nordosten des Landes ein Übergreifen des Konflikts auf die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan.

          Attentat während eines fingierten Interviews

          Nach Angaben seines Sprechers erlag der Oppositionsführer in einem Krankenhaus im Norden des Landes den schweren Verletzungen, die er knapp eine Woche zuvor bei dem Anschlag davongetragen hatte. Bei einem fingierten Interview in Massuds Haus war ein in einer Kamera versteckter Sprengsatz explodiert. Dabei kamen die beiden Attentäter und einer von Massuds Leibwächtern ums Leben.

          Der afghanische Exil-Präsident Burhanuddin Rabbani beschrieb Massud am Samstag als „Nationalhelden“. Rabbani bezichtigte Pakistan, den Moslemfundamentalisten Osama Bin Laden und die Taliban-Miliz eines gemeinsamen Komplotts gegen das Leben Massuds. Nach den verheerenden Terroranschlägen auf New York und Washington am Dienstag waren Spekulationen aufgekommen, das Attentat auf den Oppositionsführer könne damit im Zusammenhang stehen. Obwohl Pakistan den USA nach den Anschlägen seine volle Unterstützung bei der Bekämpfung der Drahtzieher zusagte, unterhält der Geheimdienst des Landes seit Jahren enge Verbindungen zu den Taliban.

          Massuds Leute kontrollieren zehn Prozent des Landes

          Seit Ende 1994 kämpfte Massud gegen die Taliban. Als die radikal-islamische Miliz im September 1996 die Kontrolle über Kabul erkämpften, zog Massud sich in seinen Geburtsort und seine Hochburg, das Panschir-Tal im Nordosten Afghanistans, zurück. Innerhalb weniger Monate eroberten die Taliban vier Fünftel des Staatsgebietes. Immer wieder starteten sie neue Offensiven, um auch ihren letzten ernst zu nehmenden Gegner zu besiegen. Zuletzt kontrollierte die von Massud geführte Opposition ein Zehntel des gebirgigen Landes im Mittleren Osten.

          Massud galt auch als eine der Symbolfiguren des zehnjährigen Widerstandskampfs der afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion. Damals gelang es dem Strategen, den militärisch haushoch überlegenen Sowjettruppen bis zum Ende des Afghanistan-Krieges (1979 bis 1989) die Stirn zu bieten. Nach dem Abzug der Invasoren zog Massud 1992 in die afghanische Hauptstadt Kabul ein und wurde am 8. Mai von Übergangspräsident Sibgatullah Modschadeddi zum Verteidigungsminister ernannt. Schon im Mai 1993 gab er dieses Amt jedoch wieder auf, wie es ein Friedensabkommen der neun rivalisierenden Mudschaheddin-Fraktionen vorsah. Wenig später fand er sich erneut im Widerstand wieder - diesmal gegen die Taliban-Miliz.

          Massuds Vorfahren stammen aus Tadschikistan, sein Vater war Oberst in der afghanischen Armee. Schon 1975 zog der „Löwe des Panschir“ in den bewaffneten Kampf. Damals beteiligte sich Massud an einer der ersten islamischen Revolten, die jedoch von der Armee niedergeschlagen wurde. Für seine weiteren Kämpfe studierte Massud die Schriften Mao Tse-tungs und Che Guevaras. Allgemein galt der afghanische Kriegsherr als unabhängiger Kopf, der sich nicht von ausländischen Geheimdiensten einspannen ließ. Täglich las er mit moslemischen Schriftgelehrten den Koran. Im Spektrum der islamischen Kräfte war Massud eher auf der Seite der Gemäßigten zu finden.

          Die Präsidentin des Europa-Parlaments, Nicole Fontaine, sprach von einer „immensen Lücke“, die Massuds Tod in Afghanistan hinterlasse. Er habe dem „afghanischen Volk angesichts des zerstörerischen Wahnsinns“ der Taliban Hoffnung gegeben. Massud war die gemeinsame Leitfigur eines zersplitterten Oppositionsbündnisses, das sich aus verschiedenen Stämmen zusammensetzt.

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