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Afghanistan : Kriegsleiden

Der Afghanistan-Feldzug soll in zwei Jahren ein Ende haben. Die provozierende Frage aber, was uns Deutschen einen Krieg wert ist, wird sich wieder stellen.

          3 Min.

          Seit Börsen, Hochfrequenz-Handelssysteme und Ratingagenturen zu den Hauptkriegsschauplätzen des 21. Jahrhunderts geworden sind, haben es die wahren Kriege dieser Welt schwer, ihren Platz auf den Titelseiten der Zeitungen und im Bewusstsein der Völker zu behaupten. Dem libyschen Befreiungskrieg gelang es: Er tobte vor der Haustür Europas, die Guten und die Bösen waren (zunächst) leicht auseinanderzuhalten, der Luftkrieg blieb ohne eigene Opfer und die Hoffnungen auf eine bessere Welt oder auch nur Ordnung in Nordafrika standen in voller Blüte. Am besten fand Deutschland jedoch an diesem Krieg, dass es nicht dabei war.

          Afghanistan dagegen zieht nur noch dann größere Aufmerksamkeit auf sich, wenn es besonders schlechte Nachrichten gibt. Oder wenn ein Jahrestag daran erinnert, dass weit hinten in Asien ein Krieg tobt, der nicht zu gewinnen ist - jedenfalls nicht so, wie der Westen sich das einmal vorstellte.

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          Die verletzte Supermacht Amerika wollte mit dem Feldzug am Hindukusch zeigen, dass niemand sie angreifen und dann ungestraft Zuflucht in einem abgelegenen Gebirge finden kann. Afghanistan sollte als Terrorbasis ausgeschaltet, und, um dem Rückfall vorzubeugen, zu einem halbwegs funktionierenden Staat geformt werden. Mithilfe solcher Bausteine wollte Amerika dem Krisenbogen vom Nahen bis zum Mittleren Osten etwas mehr Stabilität geben und seine dortige, durch den Irakkrieg geschwächte Position wieder stärken.

          Doch schon dieses real- und machtpolitische Kalkül ging nicht auf. Zur Freude Irans und anderer band sich Amerika viel stärker und länger in Afghanistan als geplant. Die Prämie dafür aber blieb aus. Präsident Obama wird, weil sein Land dieses Krieges müde ist, seine Truppen abziehen müssen, ohne eine Garantie dafür zu haben, dass das mit viel Blut und Geld Bezahlte von Dauer ist.

          Mit dieser düsteren Aussicht sind auch die Europäer konfrontiert, die mit noch ambitionierteren, mitunter weltfremden Zielen nach Asien zogen. Besonders in Berlin, das unter Schröder den Amerikanern für den Vergeltungschlag gegen Al Qaida und ihre Gastgeber „uneingeschränkte Solidarität“ zugesagt hatte, weigerte man sich bis zur Grenze des Grotesken, der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Regierung und Parlament schickten die Bundeswehr nicht in einen Krieg, sondern in einen Einsatz zum Schutz und zur Verbreitung der Menschenrechte. Dieses Dogma starb nur unter großen Qualen. Noch über seinen Tod hinaus verzögerte es die Ausrüstung der deutschen Soldaten mit schwerem Kriegsgerät: Wo kein Krieg (sein darf), da auch kein Kampfpanzer.

          Gefallenenmeldungen und Frontberichte vom Hindukusch aber zwangen zur Anerkennung der bitteren Realität. Seit deutlich geworden ist, dass Deutschland der Export von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht ganz so gut gelingt wie der Verkauf von Luxuskarossen in Einparteien-Diktaturen, schon der Versuch aber mit dem Leben deutscher Soldaten bezahlt werden muss, gibt es auch hierzulande nur noch eine Parole für Afghanistan: Raus, so schnell wie möglich. Nahezu vergessen ist der hehre Anspruch, am Hindukusch eine „Zivilgesellschaft“ zu errichten, am besten nach den Richtlinien des Gender Mainstreaming. Doch der Abzug ist, wie Verteidigungsminister de Maizière sich ausdrückt, „eine knifflige Sache“. Nicht nur wer überstürzt geht, gefährdet das Erreichte und vor allem jene, die keine andere Wahl haben, als zu bleiben.

          Die Erfahrung, dass es leichter ist, in einen Krieg hineinzurutschen, als aus ihm herauszukommen, hat nun auch das Land machen müssen, das überhaupt keine Kriege mehr führen wollte. Diese Lektion bestimmte das Verhalten Berlins, als es aufgefordert wurde, sich an der militärischen Intervention in Libyen zu beteiligen. Kriege sind schwer zu berechnen. Der Kampf gegen Gaddafi hätte auch einen anderen Verlauf nehmen können. Aber auch die Entscheidung der Regierung Merkel, sich weitgehend herauszuhalten, hatte ihren Preis: eine Entfremdung von den engsten Verbündeten und die Entlarvung der gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik als Fiktion.

          Die Konflikte in Afghanistan und in der arabischen Welt werden nicht die letzten sein, die deutsche (Bündnis-)Interessen berühren oder deutsche Ansichten, welches Maß an Abweichung von westlichen Mindeststandards nicht mehr ertragen werden kann. Die provozierende Frage, was uns einen Krieg wert ist, wird sich wieder stellen. Die Antwort, mit der sich Deutschland nach wie vor schwerer tut als seine Verbündeten, muss aber immer auch eine der Realpolitik sein: Abzuwägen sind die Aussichten, Risiken und Folgen eines Eingreifens wie auch die innenpolitische Fähigkeit, einen Militäreinsatz zu beschließen - und durchzuhalten.

          Im Falle Syriens musste das Ergebnis (nicht nur Berlins) daher anders ausfallen als bei Gaddafi, obwohl auch Assad seine Aufständischen massakriert. Wie in der Finanz- und Schuldenkrise bleibt der internationalen Politik auch im Umgang mit Schurkenstaaten oft nur die Wahl zwischen großen Übeln. Manchmal lässt sich nicht einmal nach zehn Jahren mit Gewissheit sagen, welches das etwas kleinere gewesen wäre.

          Berthold Kohler
          (bko.), Herausgeber

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