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Afghanistan : Hamid Karsai: Präsident ohne Macht

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach dem Überblick: Karsai (rechts) empfängt Warlords Bild: dpa

Die Macht des afghanischen Präsidenten Karsai reicht kaum über Kabul hinaus. Heute kommt er nach Deutschland. Eine Analyse.

          Dreieinhalb Monate liegt die Bonner Afghanistan-Konferenz zurück. Wenn der Übergangspräsident Hamid Karsai an diesem Mittwoch Deutschland besucht, steht unter anderem die Frage im Raum, wie viel der Hoffnungsträger des Westens zu Hause eigentlich zu sagen hat. Mit seiner Macht außerhalb von Kabul ist es nicht weit her.

          Im Norden des Landes kämpfen die Milizen des Usbekenführers Raschid Dostum gegen die anderen Gruppen in ihrem Einflussbereich. Im südwestlichen Herat verfolgt der Regionalherrscher Ismail Khan eigene Ziele und zweifelt die Autorität der Zentralregierung offen an. In den ostafghanischen Unruheprovinzen sorgt derzeit nur die „Operation Anaconda“, die von Amerika geführte Schlacht um eine der mutmaßlich letzten Al-Qaida-Hochburgen, dafür, dass sich die konkurrierenden Stammesherrscher nicht gegenseitig an den Hals gehen, wie erst im Februar geschehen. Aus dem Norden werden unterdessen schwere Übergriffe gegen die Paschtunen gemeldet, die dort in der Minderheit sind.

          CIA warnt vor neuem Bürgerkrieg

          Noch immer haben sich die alten Kriegsherren nicht ausgetobt. Mit ihrer Entmachtung, möglicherweise sogar Bestrafung, steht die gefährlichste Phase des Wiederaufbaus erst noch bevor. Als wäre es nicht längst soweit, warnte der amerikanische Geheimdienst CIA kürzlich in einer internen Studie vor der Gefahr eines Bürgerkrieges. Wo der alte Bürgerkrieg aufhört und der neue anfängt, ist kaum zu unterscheiden. Noch sind nicht einmal die Taliban wirklich besiegt.

          Unabdingbar ist daher der zügige Aufbau einer nationalen Armee und Polizei. Hier setzt die Hilfe des Westens und besonders die der Deutschen an, die sich dem Aufbau der Polizei verschrieben haben. Am Montag übergab Brigadegeneral von Butler acht allradgetriebene Polizei-VW-Busse. Weitere 40 sollen bis Ende des Monats folgen. Zudem wird ein Projektbüro, besetzt mit zehn deutschen Polizeibeamten, als Nukleus einer Polizeiakademie in Angriff genommen.

          Sicherheitskräfte quasi inexistent

          Ebenso wichtig aber ungleich schwieriger ist der Aufbau einer nationalen Armee, in der sich frühere Feinde zur gemeinsamen Landesverteidigung sammeln sollen. Zur Zeit bilden Offiziere der Afghanistan-Schutztruppe Isaf 500 ehemalige Stammeskämpfer aus.

          Sich von diesen ersten Maßnahmen eine Stabilisierung des ganzen Landes zu erhoffen, ist, als diskutiere man über die spätere Promotion eines Grundschülers. Bis die Sicherheitskräfte eine Schlagkraft erreichen, die sie auch nur annähernd in die Lage versetzt, mit den ungeschlagenen Warlords von Gleich zu Gleich zu reden, werden Jahre vergehen. Bis dahin ist die Übergangsregierung Karzais und möglicher Nachfolger voll und ganz auf den Westen angewiesen. Nicht nur in Kabul. Dringend notwendig ist daher eine allmähliche Ausweitung des Isaf-Mandats auf weitere Zentren außerhalb der Hauptstadt, zu der sich die Akteure in der Isaf nun durchzuringen scheinen.

          Alte Bindungen zu Deutschland

          Afghanistan mit dem Westen zu vergleichen, wird unter diesen Umständen noch lange Zeit ein absurdes Unterfangen bleiben. Ein Grund zum Pessimismus ist dies alles aber nicht: Wenigstens gibt es nun Kräfte in Afghanistan, die ernsthaft den Frieden betreiben und nicht mehr nur einen neuen Krieg. Damit sie eine Chance haben, braucht das Land eine Alternative zum Kriegführen. Sie kann nur durch den Aufbau einer wachstumsfähigen Marktwirtschaft entstehen.

          Wie ein Vertreter bereist Karsai seit Wochen die Hauptstädte der großen Handelsnationen, um die Grundlagen dafür zu schaffen. Auch hier ist Afghanistan auf den Rest der Welt angewiesen. Vor allem aber auf den alten Partner Deutschland, zu dem seit der Weimarer Republik eine enge und vertrauensvolle Bindung besteht. Nach dem militärischen Beistand dient Karsais Besuch nun vor allem dem Zweck, diese Bindung auch auf ziviler Ebene zu reaktivieren.

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