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Afghanistan : Entwicklungshelfer-Helfer?

Bis zu 450 Soldaten sollen nach Kundus verlegt werden Bild: epa

In Kundus ist es so friedlich, daß man sich in den Büros der Entwicklungshelfer fragt, was und wen die deutschen Soldaten eigentlich beschützen wollen.

          Zu den wenigen, die sich von der Entsendung deutscher Soldaten nach Kundus etwas versprechen, gehört Boris Wojahn. Der junge Braunschweiger plant ein deutsches Wirtshaus in der Provinzstadt. "Wo Soldaten hinkommen, da sind immer auch Entwicklungshelfer, Journalisten und Diplomaten, und die wollen alle was Vernünftiges essen", sagt Wojahn und streicht über seine weiße Küchenschürze, als wolle er jeden Zweifel an seiner Kochkunst ausräumen. Wohlgefällig gleitet sein Blick über die gut besetzten Tische im Restaurant. Hier in Kabul ist die Rechnung aufgegangen. Der "Deutsche Hof" im Zentrum der Hauptstadt hat sich in den vier Monaten seit seiner Öffnung zur ersten Adresse der "Expats" entwickelt; nicht nur der deutschen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Im Ticketbüro des "United Nations Humanitarian Air Service" wundert man sich nur noch. Die wenigen Flüge zwischen Kabul und Kundus sind von den Deutschen fast ausgebucht. An diesem Wochenende fliegt eine Delegation des Berliner Entwicklungshilfeministeriums in die Nordprovinz. Ende August machten sich Militärs und Diplomaten auf den Weg; die nächste Erkundungsreise ist geplant. "Seit kurzem heißt es nur noch: Kundus! Kundus! Kundus!" spottet ein deutscher Entwicklungshelfer.

          Berlin: Geradezu ideal

          Monate hat die Bundesregierung gebraucht, bis sie den passenden Ort für die Ausdehnung ihres Engagements gefunden zu haben meinte. Im Juni inspizierte eine Delegation zunächst die westliche Provinzhauptstadt Herat, kehrte aber skeptisch zurück, nachdem der örtliche Warlord Ismail Khan hatte durchblicken lassen, daß sich sein Reich auch ohne deutsche Soldaten entwickle. Der Süden schied in den Berliner Planungen von vornherein aus, weil dort die Sicherheitslage als prekär gilt.

          So kam Kundus ins Spiel. Dort und in den drei angrenzenden Provinzen Badakshan, Takhar und Boglan geht es vergleichsweise friedlich zu. Außerdem sind die Menschen schon ein bißchen an fremde Uniformen gewöhnt, seit dort ein sogenanntes "regionales Aufbauteam" der Vereinigten Staaten arbeitet. Kundus erschien den Berliner Planern daher als geradezu ideale Lösung, aber genau da, meinen manche, steckt das Problem: Militärische Einsatzorte sind naturgemäß nicht ideal.

          Amerikanisches Programm unbeliebt

          In den Büros der Entwicklungshelfer fragt man sich, was und wen die Soldaten eigentlich beschützen wollen. Mehrere Organisationen - unter ihnen die Deutsche Welthungerhilfe - sind in dem Gebiet seit längerem aktiv und melden keinerlei Schwierigkeiten. Im Grunde bliebe den Soldaten nur die Rolle als Entwicklungshelfer-Helfer. Von der will aber auch niemand etwas wissen. Das Modell der "regionalen Wiederaufbauteams", das die Amerikaner entwickelt haben, ist in der deutschen Entwicklungshelferszene unbeliebt.

          In der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, die eines der größten Hilfsbüros in Kabul unterhält, wird betont, daß sich die Organisation aus diesem Grund nicht auf demselben Gelände ansiedeln wird, das das Verteidigungsministerium gerade in Kundus mietet. "Anders als die amerikanischen Hilfsorganisationen werden wir nicht in die militärischen Strukturen eingebunden sein, sondern unsere eigenen unterhalten", sagt Regionalleiter Tabatabai. Daß er für diese Position volle Deckung aus Berlin erhält, versucht er mit einem Bundestagsprotokollauszug zu beweisen. Darin nennt Entwickungshilfeministerin Wieczorek-Zeul das amerikanische Modell "für uns völlig unvorstellbar" und beschreibt das Konzept der Bundesregierung mit den Worten: "Militär und Wiederaufbauhelfer sind getrennt."

          Wenig Verständnis

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